Selahattin Demirtaş wurde nachts am 4. November 2016 von der türkischen Polizei aus dem Schlaf gerissen. Seitdem befindet sich der 44-Jährige in Untersuchungshaft. Mehr als ein Jahr nach seiner Inhaftierung hat die türkische Staatsanwaltschaft eine 600-seitige Anklageschrift zum Prozessbeginn vorgelegt. Nun weiß Demirtaş, dass er das Gefängnis in den nächsten 142 Jahren nicht verlassen soll. Zumindest, wenn es nach dem Staatsanwalt geht. Demirtaş werden unter anderem die Gründung und Führung einer Terrororganisation, Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen.

Seit dem Putschversuch durch Teile des Militärs im vergangenen Jahr hat es in der Türkei Hunderte, vielleicht Tausende Prozesse gegeben. Doch für die türkische Regierung, aber auch die Opposition, ist derzeit kein anderes Verfahren so kritisch wie der Prozess gegen Demirtaş. Der 44-Jährige ist kein ehemaliger Soldat oder General, der sich dem Vorwurf stellen muss, ein Putschist zu sein. Er ist auch kein Journalist, der kritisch über den türkischen Präsidenten berichtet hat. Sondern Co-Vorsitzender der prokurdischen HDP und der Mann, der so nah wie kein anderer Politiker dran war, Erdoğans Machtausbau zu verhindern.

Egal, wie der Prozess am Ende ausgeht: Das Urteil wird Auswirkungen auf die türkische Politik haben. Sollte er im Gefängnis bleiben, wird der HDP in Zukunft ihr wichtigster Politiker fehlen. Sollte Demirtaş freikommen, womit niemand wirklich rechnet, beflügelte dies die Opposition in der Türkei neu. Was für einen Unterschied Demirtaş macht, musste Recep Tayyip Erdoğan vor zwei Jahren schmerzlich erfahren. Es war der 7. Juni 2015, an dem Demirtaş Geschichte schrieb.

Erstmals kurdische Partei im Parlament

An jenem Sommertag gewann die HDP unter der Führung von Demirtaş und seiner Co-Vorsitzenden Figen Yüksekdağ 13 Prozent der Stimmen bei den türkischen Parlamentswahlen. Erstmals war es einer kurdischen Partei damit in der Türkei gelungen, die Sperrklausel von zehn Prozent zu überspringen. Der Osten der Türkei, wo Millionen Kurden leben, war in Aufruhr.

Demirtaş' Erfolg gründete vor allem auf einer Eigenschaft, die unter türkischen Politikern schwer zu finden ist: Charisma. Wo Erdoğan poltert, redet Demirtaş mit feiner und fast schon zu leiser Stimme. Wo Kemal Kılıçdaroğlu, Chef der größten türkischen Oppositionspartei CHP, langweilige Monologe hält, gibt Demirtaş seinen Zuhörern das Gefühl, dass sie gut zuhören müssen.

Bei den Parlamentswahlen im Juni 2015 schaffte es Demirtaş so als erster Politiker, nicht nur Kurden zu überzeugen, sondern auch liberale Türken. Durch ihn trauten sich plötzlich türkische Akademiker, öffentlich zu sagen, dass sie der HDP ihre Stimme geben würden. In der Türkei ist das keine Selbstverständlichkeit, denn Kritiker werfen der prokurdischen Partei immer wieder vor, politischer Arm der kurdischen Arbeiterpartei (PKK) zu sein. In den vergangenen 40 Jahren sind bei Kämpfen zwischen der kurdischen Untergrundorganisation und dem türkischen Militär mehr als 40.000 Menschen gestorben. Die PKK ist in der Türkei und Deutschland als Terrororganisation eingestuft.