Die USA wollen bei der Errichtung einer Sicherheitszone im Nordwesten Syriens mit der Türkei zusammenarbeiten. Er hoffe auf eine Kooperation mit der Regierung in Ankara, um deren legitimen Sicherheitsinteressen Rechnung zu tragen, sagte US-Außenminister Rex Tillerson während einer Reise nach Europa nach Angaben mitreisender Journalisten und rief die Türkei und die kurdischen Rebellen zur Zurückhaltung auf. 

"Wir sind im Gespräch mit den Türken und auch einigen Kräften am Boden, um herauszufinden, wie wir die Lage stabilisieren und den legitimen Sicherheitsbedenken der Türkei gerecht werden können", wird Tillerson von den Reportern zitiert. Diese berichten auch von einer prompten Reaktion des stellvertretenden türkischen Ministerpräsidenten Bekir Bozdağ, der den Vorschlag einer Kooperation abwies. Stattdessen müssten die USA ihre Unterstützung für die Kurdenmiliz YPG stoppen. Niemand habe das Recht, der Türkei mit Blick auf den Militäreinsatz in Syrien Vorschriften zu machen.

In Washington sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Sarah Sanders, die Türkei müsse dafür sorgen, dass die Militäroperation "in Reichweite und Dauer begrenzt" bleibe, die humanitäre Hilfe fortgesetzt und Todesopfer vermieden würden. Durch die Zunahme der Gewalt in Afrin werde ein "normalerweise stabiles Gebiet" erschüttert, sagte die Sprecherin von US-Präsident Donald Trump. Dadurch würden die Anstrengungen beeinträchtigt, den dauerhaften Sieg über den IS abzusichern, sagte sie. Auch könne sich die humanitäre Krise verschärfen.

"Es gibt keinen Schritt zurück aus Afrin"

Seit dem vergangenen Samstag ist die türkische Armee mit Bodentruppen in die nordsyrische Provinz Afrin eingerückt, um die mit den USA verbündete Kurdenmiliz YPG zu vertreiben. Ziel der Operation "Olivenzweig" ist nach den Worten von Ministerpräsident Binali Yıldırım die Einrichtung einer 30 Kilometer breiten Sicherheitszone. Eine solche Pufferzone wollten auch die USA im Norden Syriens an der Grenze zur Türkei und dem Irak schaffen – allerdings gemeinsam mit der YPG, die für die US-Armee wichtige Verbündete im Kampf gegen die Extremisten der IS-Miliz ist. Die türkische Regierung wiederum betrachtet die Miliz als syrischen Zweig der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und damit als Terrororganisation.

Trotz internationaler Kritik will die Türkei die Offensive fortsetzen. Vor einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats verwies Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan auf die Unterstützung Russlands für den Militäreinsatz. "Afrin wird abgeschlossen. Es gibt keinen Schritt zurück aus Afrin", sagte er in Ankara. Mit der Hilfe des Verbündeten werde die türkische Armee die Provinz ebenso unter ihre Kontrolle bringen wie zuvor schon Dscharābulus, al-Rai und al-Bab. Dann könnten die Syrer dorthin zurückkehren. Die Regierung in Moskau wollte sich nicht konkret zu der Militäraktion äußern. Laut eines Regierungssprechers stehe man in Kontakt mit der Türkei und beobachte die Situation sehr genau.

Bundesregierung vage zum möglichen Einsatz deutscher Panzer

Der UN-Sicherheitsrat wollte sich auf Initiative Frankreichs noch an diesem Montag mit dem Thema befassen. "Extrem beunruhigt" zeigte sich die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini, die sich nach eigenen Angaben um ein Krisengespräch mit dem türkischen Europaminister Ömer Çelik in den kommenden Tagen bemüht. Ein Telefonat führte bereits Bundesaußenminister Sigmar Gabriel mit seinem türkischen Kollegen Mevlüt Çavuşoğlu. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes warnte der SPD-Minister zwar vor einer militärischen und humanitären Eskalation. Offene Kritik an der Regierung in Ankara hat Gabriel indes vermieden: Man habe kein vollständiges Lagebild und könne das türkische Vorgehen völkerrechtlich daher nicht einordnen, sagte eine Sprecherin.

Auch zu Berichten über den Einsatz von Leopard-2-Panzern im Norden Syriens äußerte sich die Bundesregierung ausweichend. "Außer den Bildern aus den Medien, die Sie alle kennen, haben wir keine eigenen Erkenntnisse über den Einsatz von Leopard-Panzern", sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, verwies aber zugleich auf den bisherigen Rüstungsdeals zwischen den Nato-Partnern: In den 1980er- und 1990er-Jahren erhielt die Türkei 397 Leopard-1-Panzer, von 2006 bis 2011 wurden noch 354 Leopard-2-Panzer an den Bosporus überführt.

Viele Kurden in Deutschland sind empört über die türkische Regierung und ihr Vorgehen in Afrin. In mehreren Städten kam es zu kurdischen Protesten, darunter Hamburg, Stuttgart, Heilbronn und Berlin. Am Flughafen Hannover gab es eine Rangelei zwischen Kurden und einer protürkischen Gruppe. An einigen Orten wurden außerdem türkische Einrichtungen beschmutzt. So besprühten Unbekannte in Minden in Nordrhein-Westfalen sowie in Leipzig türkische Moscheen mit Farbe. Einen Farbanschlag hatte es in der Nacht zum Sonntag auch in Kassel gegeben. An einer Wand der betroffenen Moschee stand nach Polizeiangaben das Wort "Efrin". Das ist eine andere Schreibweise für die syrische Provinz Afrin.