Der falsche Raketenalarm auf Hawaii hat es nachdrücklich gezeigt: Fast drei Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Kriegs können sich die Menschen wieder vorstellen, Opfer eines nuklearen Angriffs zu werden.

Vergangenen Samstag suchten die Einwohner Honolulus für sich selbst und ihre Familien eine Zuflucht, die es nicht gab. Viele dachten, sie hätten noch 15 Minuten zu leben, dann würde eine Atomrakete aus Nordkorea einschlagen. Schließlich wurden sie informiert, dass es sich um einen Fehlalarm handelte.

Was für eine grauenvolle Erfahrung. Und was für eine politische Lehrstunde. Die Furcht ist wieder da. Und dafür gibt es gute – vielmehr schlechte – Gründe. Selbst der Papst sorgt sich wegen eines möglichen Einsatzes von Nuklearwaffen. "Ich habe Angst vor einem Atomkrieg", sagte Franziskus am Montag auf dem Flug nach Chile.

Es ist ein bestürzender Zufall, dass genau einen Tag vor dem Fehlalarm auf Hawaii der Entwurf der Nuclear Posture Review des Pentagons veröffentlicht worden war. Es handelt sich dabei um eine regelmäßige Überprüfung der amerikanischen Nuklearpolitik durch die US-Regierung. Die Huffington Post hatte eine Kopie erhalten und das Dokument der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Im Vorwort blickt der Bericht auf die Abrüstungserfolge seit dem Kalten Krieg. Tatsächlich sind seit damals mehr als 85 Prozent der amerikanischen Atomwaffen vernichtet worden – ein großer Erfolg. "Es war eine vielversprechende Zeit", heißt es. Aber die Hoffnungen in eine weitergehende Abrüstung, vielleicht sogar auf eine vollständige Abschaffung der Atomwaffen, hätten sich nicht erfüllt. "Die Welt ist gefährlicher geworden, nicht weniger gefährlich", konstatiert das Pentagon.

Wie anders war der Grundton, den die letzte Nuclear Posture Review anschlug, 2010 von der Regierung Obama vorgelegt. Damals war es noch ausdrücklich ein Ziel, die Rolle der Atomwaffen zu reduzieren. Nun wird ihnen wieder eine wachsende Bedeutung zugemessen. "Man verabschiedet sich vom Ziel einer atomwaffenfreien Welt", sagt Oliver Meier, Abrüstungsexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Ja, die Welt ist wieder gefährlicher geworden. Russland, der Nato konventionell unterlegen, will im Konfliktfall einen frühen Einsatz von Nuklearwaffen nicht ausschließen. "Eskalieren, um zu deeskalieren", lautet die Kurzformel dieser paradoxen russischen Nuklearstrategie.