Die türkischen Streitkräfte setzen bei ihrer Offensive gegen die Kurdenmiliz YPG in der nordsyrischen Region Afrin offenbar auch deutsche Panzer ein. Ein Rüstungsexperte aus der Bundeswehr bestätigte der Deutschen Presse-Agentur, dass Bilder von der Militäroperation Panzer vom Typ Leopard 2A4 aus deutscher Produktion zeigten, die die Türkei bereits im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien verwendet hatte. Entsprechende Fotos wurden unter anderem von der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu verbreitet.

Die Bundesregierung selbst bestätigte Berichte über den Einsatz von Deutschland an die Türkei gelieferter Leopard-2-Panzer im Norden Syriens allerdings nicht. "Außer den Bildern aus den Medien, die Sie alle kennen, haben wir keine eigenen Erkenntnisse über den Einsatz von Leopard-Panzern", sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Holger Neumann. Der Nato-Partner Türkei hatte nach seinen Worten in den 1980er- und 1990er-Jahren 397 Leopard-1-Panzer bekommen. Von 2006 bis 2011 habe die Türkei dann noch 354 Leopard-2-Panzer erhalten. Die Türkei verfügt damit über mehr Kampfpanzer als die Bundeswehr.

Seit dem vergangenen Samstag ist die türkische Armee mit Bodentruppen in die nordsyrische Provinz Afrin eingerückt, um die mit den USA verbündete Kurdenmiliz YPG zu vertreiben. Ziel der Operation "Olivenzweig" ist nach den Worten von Ministerpräsident Binali Yıldırım die Einrichtung einer 30 Kilometer breiten Sicherheitszone. Seine Regierung betrachtet die Miliz als syrischen Zweig der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und damit als Terrororganisation. Die YPG ist aber zugleich ein wichtiger Verbündeter der USA im Kampf gegen die Extremisten der IS-Miliz.

Rückendeckung aus Russland

An der Offensive gibt es international starke Kritik. Noch an diesem Montag will sich auf Antrag Frankreichs auch der UN-Sicherheitsrat in einer von Frankreich beantragten Dringlichkeitssitzung damit befassen. Deutschland und Österreich zeigten sich bei einem Außenministertreffen in Brüssel alarmiert über die türkische Militäroffensive gegen kurdische Milizen in Syrien. "Wir können hier nur an alle Beteiligten appellieren: Wir können hier keine Eskalation gebrauchen. Wir brauchen weiter das Gespräch, den Austausch", sagte der deutsche Staatsminister für Europathemen, Michael Roth (SPD). Österreichs neue Außenministerin Karin Kneissl forderte ebenfalls Verhandlungen. Solche Dinge könne man nicht "auf dem Schlachtfeld" lösen, sagte sie.

Etwas zurückhaltender formulierte die Sprecherin des Auswärtigen Amtes, Maria Adebahr: Die Bundesregierung habe kein vollständiges Lagebild und könne das türkische Vorgehen völkerrechtlich daher nicht einordnen.

Präsident Recep Tayyip Erdoğan lässt sich nach eigenen Angaben von Kritik aber nicht beirren und will die Militäraktion fortsetzen. Schließlich habe er die Rückendeckung Russlands, sagte er in Ankara. Auch mit den USA habe seine Regierung gesprochen, habe sie aber "bei einigen Fragen nicht überzeugen" können, sagte Erdoğan. Der Einsatz werde beendet, sobald "das Ziel erreicht ist". Die türkischen Streitkräfte würden Afrin unter ihre Kontrolle bringen, so wie schon Dscharāblus, Al-Rai und Al-Bab. Dann könnten die Syrer dorthin zurückkehren.

Türkei weist Berichte über zivile Opfer zurück

Nach Angaben der YPG hat die türkische Armee am dritten Tag ihrer Offensive zwei Dörfer bombardiert. Wie die amtliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf die Armee berichtet, wurden von dort aus Raketen auf die türkische Grenzstadt Reyhanlı abgeschossen. Laut YPG-Sprecher Birusk Hasaka gebe es heftige Gefechte zwischen den von der YPG dominierten Syrischen Demokratischen Streitkräften und den "türkischen Okkupanten" im Gebiet von Afrin.

Am Montag meldete die YPG, die türkische Armee aus den beiden Dörfern Schinkal und Adah Manli verdrängt zu haben, die sie am Vortag in Afrin eingenommen hätten. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, dass die YPG am Sonntagabend eine heftige Gegenoffensive geführt habe.

Laut der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden bei den türkischen Luftangriffen in Afrin bisher 21 Zivilisten getötet, unter ihnen sechs Kinder. Die türkische Regierung wies solche Berichte über zivile Opfer als "schwarze Propaganda von Terrorgruppen" zurück und gab an, nur "Terroristen" ins Visier zu nehmen. Beide Angaben sind von unabhängiger Seite bislang nicht zu überprüfen. Der Zugang zur Region ist beschränkt, westliche Medienvertreter können sich deshalb kein Bild von der Lage machen.