Die türkische Regierung hofft nach den Worten von Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu auf ein baldiges Verfahren gegen den seit mehr als zehn Monaten inhaftierten Welt-Korrespondenten Deniz Yücel. "Auch ich bin nicht sehr glücklich darüber, dass es noch immer keine Anklage gibt", sagte Çavuşoğlu. "Aber wir können die Justiz nur dazu ermutigen, den Prozess zu beschleunigen. Das haben wir bereits getan. Aber sie sagen uns, dass es eine sehr komplexe Situation sei und dass die Ermittlungen noch andauerten. Deswegen dauert es einige Zeit. Aber das ist nichts Persönliches." Die Vorwürfe gegen Yücel seien "sehr ernst".

Yücel sitzt seit Februar wegen Terrorvorwürfen in Untersuchungshaft und hat beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg Beschwerde eingelegt. Çavuşoğlu sagte auf die Frage, ob die Türkei Yücel freilassen würde, sollte der EGMR eine solche Entscheidung fällen: "Das liegt natürlich an der Justiz, aber wir haben die Entscheidungen des Gerichts in Straßburg immer umgesetzt." Er erwarte daher auch eine Umsetzung im Fall Yücel.

Die Bundesregierung fordert die Freilassung Yücels und anderer Deutscher, weil diese aus Sicht Berlins aus politischen Gründen in der Türkei inhaftiert sind. Çavuşoğlu wies das zurück. "Wir haben der deutschen Regierung gesagt, dass das nicht wahr ist", betonte er. "Warum sollten wir diese Menschen ins Gefängnis stecken? Um etwas von Deutschland zu bekommen? Nein." Dass Bundesaußenminister Sigmar Gabriel in dem Zusammenhang von "Geiseln" gesprochen hat, sei "falsche, populistische Terminologie vor einer Wahl" gewesen.

Çavuşoğlu kritisierte die Bedeutung, die dem Fall Yücel in Deutschland beigemessen wird. "Wer auch immer in der Türkei inhaftiert wird oder dort Probleme hat, wird in Deutschland zum Helden. Warum? Ist Deutschland der größte Verteidiger der Menschenrechte in der Welt? Nein. Ich kann Ihnen Tausende Beispiele von Menschenrechtsverletzungen in Deutschland geben."

Trotz der politischen Spannungen hat Çavuşoğlu deutsche Touristen zum Urlaub in der Türkei aufgerufen. "Die Türkei ist ein sicheres Land", sagte Çavuşoğlu in Ankara. "Die Türken betrachten die Deutschen traditionell als gute Freunde. Wir können Differenzen oder sogar Probleme zwischen den Staaten oder Regierungen haben, aber das sollte die Beziehungen zwischen unseren Völkern nicht beeinträchtigen." Er fügte hinzu: "Ich möchte unsere deutschen Freunde dazu aufrufen, zurückzukehren und die Urlaube zu genießen, die sie in den vergangenen Jahren genossen haben."

Inhaftierung ohne konkrete Anklage

Nach Recherchen von ZEIT ONLINE befinden sich aktuell in der Türkei 151 Journalisten in politischer Haft. Den meisten wird die Mitgliedschaft oder Unterstützung einer Terrororganisation vorgeworfen. Eine Untersuchungshaft in der Türkei kann wegen des geltenden Ausnahmezustands bis zu fünf Jahre dauern.

Die aus Ulm stammende Journalistin Meşale Tolu kam am 18. Dezember nach mehr als sieben Monaten aus der Untersuchungshaft frei, jedoch nur unter Auflagen: Sie darf die Türkei nicht verlassen und muss sich einmal pro Woche bei den Behörden melden. In dem Verfahren wird Tolu beschuldigt, Mitglied der linksextremen MLKP zu sein. Dafür drohen ihr bis zu 20 Jahre Haft.

Die Platzierung des EU-Beitrittskandidaten auf der Liste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen verschlechterte sich seit dem gescheiterten Putschversuch im vergangenen Sommer zusehends: Das Land fiel von Platz 151 auf Platz 155 – bei insgesamt 180 gelisteten Staaten.