Wie unberechenbar verhält sich US-Präsident Donald Trump? Diese Debatte wird seit nunmehr einem Jahr quasi permanent geführt. In der vergangenen Woche hat sie jedoch neuen Auftrieb erhalten. Ist er vielleicht sogar psychisch krank?

"Dem Präsidenten der Vereinigten Staaten geht es nicht gut", hat Ezra Klein, ein bekannter amerikanischer Kolumnist, kürzlich behauptet. "Der Präsident der Vereinigten Staaten ist zu einer der größten Gefahren für die Sicherheit der Vereinigten Staaten geworden", schrieb der New Yorker-Chefredakteur David Remnick in einem Stück über "die wachsende Untauglichkeit von Donald Trump". Die Spekulationen über Trumps psychischen Zustand waren in den vergangenen Tagen so allgegenwärtig, dass sogar er selbst sich zu dem Thema geäußert hat. Er sei "ein sehr stabiles Genie", twitterte Trump.

Wie die meisten Erzählungen über Trump, die plötzlich und mit Macht in die großen Medien drängen, ist diese ebenso alarmierend wie potenziell beruhigend. Sie ist sehr alarmierend, weil das Schicksal der Welt nun in den Händen eines Mannes liegt, der vielleicht nicht im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten ist. Aber sie hat auch etwas Beruhigendes, weil Trumps geistiger Verfall den Weg zu einer offensichtlichen Lösung weisen könnte. Um die USA aus ihrer misslichen Lage zu befreien, müssten die Amerikaner nichts weiter tun, als sich auf den 25. Verfassungszusatz zu berufen und Trump als "unfähig" bezeichnen, "die Befugnisse und Pflichten seines Amtes zu erfüllen" – und ihn damit des Präsidentenamts entheben.

So verlockend diese Lesart von Trumps Verhalten auch ist – sie faktisch nicht wirklich untermauert und könnte in einem politischen Desaster enden. Sie ist sehr fragwürdig, weil es (zumindest bisher) nur wenig Beweise gibt, dass sich Trumps Geisteszustand tatsächlich verschlechtert hat. Die vielen Tweets und Artikel, in denen behauptet wird, dass Trump den Verstand verliert, behaupten auch, dass er immer mehr von sich selbst besessen sei. Dass er immer größere Wahnvorstellungen von seinen eigenen Fähigkeiten habe. Dass er mittlerweile scheinbar seine eigenen Lügen glaube. Und dass er egoistischer sei als je zuvor.

Gelogen hat Trump schon immer

All das ist wahr. Aber nichts davon ist neu. Soweit wir es aus seiner langen, unternehmerischen Karriere wissen, war Trump immer auf kindische Art und Weise besessen von seiner eigenen Berühmtheit – in den Achtzigern etwa gab er sich bei Telefonaten mit Journalisten als sein eigener Pressesprecher aus. Seine Selbstwahrnehmung als brillanter Geschäftsmann war nie durch die Realität gedeckt: Hätte er all seine Geschäfte vorhergesehen und sein Erbe in den S&P 500 gesteckt, wäre er heute noch viel reicher.

 Trump war schon immer bereit, für seinen eigenen Vorteil zu lügen: Die Versprechen, die er den Studenten an der Trump University machte, waren genau so aufgeblasen und substanzlos wie die Versprechen, die er den Durchschnittsamerikanern jetzt mit seiner Steuerreform macht. Und natürlich war er schon immer unfassbar egoistisch. Da muss man nur die vielen Bauunternehmer fragen, die er nie für ihre Leistungen bezahlt hat.

Um eines klarzustellen: Dass sich Trumps mentaler Zustand nicht klar verschlechtert hat, heißt nicht, dass er nicht psychisch krank ist. Donald Trump könnte schon die ganze Zeit an den Zwangsstörungen oder dem Narzissmus leiden, den ihm diverse selbsternannte Psychiater attestieren.