Donald Trump allein weiß, was wirklich vor sich geht – what's really going on. Überlegener Instinkt, klug wie keiner, die einzige Autorität an der Spitze einer demnächst wieder großartigen Nation. Egal was dieser Präsident tut: Es ist immer und für alle das Richtige. Die anderen müssten bloß besser spuren, dann liefe der Laden noch fantastischer.

Trump würde diesen ersten Absatz wohl goldgerahmt im Weißen Haus aufhängen und jeden Besucher persönlich darauf aufmerksam machen. Denn das ist nach einem Jahr im Amt in etwa das, was die Welt über seinen Antrieb gelernt hat: Da ist keine tiefe politische Überzeugung, die ihn erklären könnte, keine Ideologie, die er verkörpern würde, und deshalb auch keine schlüssige Strategie, die es zu verstehen gäbe. Da ist nur die große Angst, dass der Applaus ausbleibt.

Was wirklich vor sich geht, wer weiß das schon? Trump jedenfalls nicht, das war von Beginn an klar und ist nach einem Jahr nur wenig besser geworden. Noch immer lässt er sich eher vom haltlosen Geschwätz seiner Fox-News-Lieblinge animieren, als dass er sich auf die harten Fakten wichtiger Briefings verließe. Es braucht kein reißerisches Enthüllungsbuch wie das von Michael Wolff, um Sorgen zu wecken, ob der Mann noch alle Sinne beisammen hat. Wenn der Präsident der USA sich genötigt sieht, seine geistige Gesundheit zu versichern, dann stimmt definitiv etwas nicht. Wohin die unselige Verbindung von Desinteresse und fehlendem Intellekt im Oval Office führen wird, hängt nicht nur von Trump selbst ab – doch schon jetzt ist klar: Nicht für alles, was dabei kaputtgeht, gibt es Ersatzteile.

Nicht bloß ein Clown

Trumps Wahl war ein Schock, eine politische Anomalie, die viele nicht wahrhaben oder ernst nehmen wollten. Die drohende Krise ließ sich anfangs auch noch leicht verdrängen: Womöglich, so konnte man sich einreden, habe Trump gar nicht die Absicht, sich den komplexen Windungen des Regierens zu stellen, also könne er auch nicht allzu viel Schaden anrichten. Die Erwachsenen in seinem Umfeld würden die Arbeit erledigen, ihn bändigen und bei Laune halten. Wenn dann noch alle ihre Rolle innerhalb der demokratischen Institutionen ausfüllten, was sollte schon passieren? Gewöhnlich würde Trumps Präsidentschaft sicher nicht, aber am Ende werde man sich daran doch nur als kuriose Episode erinnern.

Das pessimistische Szenario mag dagegen immer noch übertrieben klingen, bleibt aber ebenso plausibel: dass nämlich der Hetzer aus dem Wahlkampf einmal im Amt als rassistischer Kleptokrat seinen totalitären Impulsen folgen würde und das politische System der USA aushebeln könnte. Auch weil sich die sträfliche Verharmlosung Trumps so lange fortsetzen würde, bis es zu spät wäre. Denn abgelenkt von täglichen Entgleisungen und Derbheiten, den Blick nur auf die Kulisse gerichtet, bekäme im schlimmsten Fall niemand mit, was wirklich vor sich gehe – liberale Demokratien kollabieren nicht abrupt, ihr Verfall ist graduell.

Was heute wirklich vor sich geht, ist ein bisschen von beidem. Trumps Macht stößt an Mauern, und er widersteht vorerst der Versuchung, sie selbst einzureißen. Doch er weiß, wo das Fundament schwach ist und scheut vor keiner Sabotage zurück. Auch wenn die politischen Erfolge kleiner sind als die Show: Das Land ist unter diesem Präsidenten ein anderes geworden – und wird es nach ihm lange bleiben. Mehr noch: Die Gefahr, dass alles noch schlimmer kommt, ist keinesfalls gebannt.

Mit Profis wäre es schneller gegangen

Zur Verteidigung derer, die noch hoffen wollen oder glauben, alles sei in Ordnung: Es ist Trump in der Tat bisher kaum gelungen, seine Versprechen zu erfüllen und signifikante Teile seiner wahnwitzigen Agenda umzusetzen, geschweige denn die demokratischen Regeln außer Kraft zu setzen. Die wuchtigen Vorhaben bleiben ganz oder teilweise auf der Strecke, weil sie von der Justiz eingefangen, vom Kongress trotz republikanischer Mehrheit nicht mitgetragen oder gar nicht erst angefasst werden: zu illegal, zu teuer oder einfach zu bescheuert. Bestes Beispiel: die Mauer an der Grenze zu Mexiko. Davon mögen noch immer Trumps feuchte Träume handeln, doch soll er sogar selbst längst eingesehen haben, wie unrealistisch die Idee ist. Es dürfte wohl vielerorts nur ein besserer Zaun mit besserer Überwachung werden, wenn überhaupt.

Wenn die Wirtschaft derweil überraschend gut läuft oder die Dschihadisten des "Islamischen Staats" besiegt scheinen, dann nicht weil Trump maßgeblichen Einfluss darauf gehabt hätte. Die drastische Steuerreform ist ein Werk der Partei, das mit jedem anderen republikanischen Präsidenten vermutlich einfacher zum Gesetz geworden wäre. Sie ist alles andere als sozial ausgewogen und dem Haushaltsdefizit nicht abträglich, aber auch nicht gleich verfassungswidrig – schlechte Finanzpolitik, ein Geschenk für die reiche Elite, mehr nicht. Das peinliche Scheitern der Versuche, endlich Barack Obamas verhasste Gesundheitspolitik zurückzudrehen, haben sie alle gemeinsam zu verantworten. Wahrscheinlich wären auch da die Aussichten mit einem anderen Präsidenten und einer professionelleren Regierung besser gewesen. Und dass nun ausgerechnet zu Trumps Jahrestag der Staat seinen Job nicht mehr machen kann, weil es keine Einigung wenigstens auf einen Übergangshaushalt gibt: Die Republikaner und ihr Mann im Weißen Haus haben sich das vor allem selbst zuzuschreiben.