Wie in wirklich allen Fragen ist sich Donald Trump ganz sicher: Es gibt hier nichts zu sehen, außer seinem Genie. Nicht eine Verschwörung mit russischen Freunden hat ihn ins Weiße Haus gebracht, er war einfach der Beste. Die Idee, er könne sich der Justizbehinderung schuldig gemacht haben, als ihm das FBI lästig wurde: völlig widersinnig, so wie er das Präsidentenamt versteht. Und warum auch, wenn er doch nichts falsch gemacht hat?

Diese Frage ist in der Tat noch nicht entschieden: weder juristisch, noch moralisch. Selbst wer die Ermittlungen zu russischen Einflussversuchen auf die US-Wahl 2016 ernster nimmt als Trump, kommt nicht daran vorbei: Erst am Ende kann es Klarheit geben. Allzu eilige Schlüsse verbieten sich also – aber es ist genauso falsch, dass es nichts zu sehen gäbe.

An welchem Punkt stehen die Russland-Ermittlungen nach den Vorwürfen der Republikaner gegen das FBI? Eine Erklärung in fünf Punkten:

1. Der Anlass für die Ermittlungen ist auch ohne Verschwörung beunruhigend

Als im Wahlkampf Demokraten wie Republikaner von Hackern angegriffen wurden, schauten viele das erste Mal richtig hin. Und bekamen WikiLeaks-Dokumente und E-Mails zu Gesicht, die geeignet waren, Hillary Clinton zu schaden – Tage vorher angekündigt von einem engen Vertrauten Trumps. US-Geheimdienste, Ermittler und Sicherheitsexperten sind nach ihren Untersuchungen überzeugt: Die Täter handelten auf Weisung der russischen Regierung; Ziel dieser und weiterer Aktivitäten war, das Vertrauen in die Demokratie zu schwächen und den Ausgang der Wahl zu beeinflussen. Und Clinton war nicht die Wunschpräsidentin.

Außerdem bestätigen die großen Internetplattformen nach und nach: Abertausende aus Russland gesteuerte Accounts auf Facebook, Twitter oder Google machten mit eigenen Posts und bezahlter Werbung Stimmung, nicht nur direkt gegen Clinton. Sie schürten die Angst vor Einwanderern und versuchten Spannungen zwischen sozialen und ethnischen Gruppen zu verschärfen. Wie ausschlaggebend diese Echokammer für den Wahlkampf war, wird sich nicht ergründen lassen. Der offensichtliche Versuch, Trumps spaltende Botschaften künstlich zu verstärken, hat jedenfalls nicht aufgehört: Russische Bots legen nach, wenn er auf Twitter zürnt, wie zuletzt gegen die Demokraten im Haushaltsstreit.

2. Trump ist sauber oder noch schmutziger als gedacht

Dass Russland vor der Wahl versucht hat, die öffentliche Meinung in den USA zu korrumpieren, ist mittlerweile offensichtlich. Wie weit die Manipulation ging, ist eine Frage, der sich mehrere Kongressausschüsse mit ihren Untersuchungen widmen. Völlig offen ist auch, ob es Absprachen mit Trumps Wahlkampfteam oder sogar einen gemeinsamen Plan gab. Und wenn: ob er selbst überhaupt daran beteiligt war oder auch nur davon wusste. Viele weitere Szenarien sind denkbar, etwa dass der unerfahrene Kandidat oder sein Umfeld sich in naiver Sorglosigkeit in etwas hineinziehen ließen, das sie gar nicht als problematisch erkannten. Schließlich noch die Sex-and-Crime-Version, die wie ein abgedroschener Thrillerplot wirkt, was den russischen Agenten aber egal sein dürfte: Dreckige Partys mit Prostituierten, schmutzige Geschäfte mit der Mafia, unsaubere Deals mit dem Kreml, irgendetwas könnten sie gegen Trump in der Hand haben – und damit ihn.

Deutliche Hinweise bekamen US-Geheimdienste, Kongressabgeordnete und Journalisten zu sehen, lange bevor BuzzFeed das entsprechende Dossier eines früheren britischen Geheimdienstmitarbeiters und Russlandspezialisten veröffentlichte. Christopher Steele hatte für die Firma Fusion GPS nach Informationen über Trump gesucht, insbesondere über Verbindungen seines Wahlkampfteams nach Russland. Fusion GPS hatte die Recherchen für eine konservative Website begonnen; Steele wurde tätig, als sie im Auftrag von Clinton und der demokratischen Partei fortgeführt wurden. Er berichtet von einer ganzen Reihe persönlicher Kontakte und finanzieller Beziehungen zwischen Trump wie auch seinen Beratern und Russland. Steele will erfahren haben: Die russische Regierung habe Trump seit Jahren aufgebaut und ihm beigestanden; er und seine Vertrauten hätten einen "steten Zufluss von Informationen über die Demokraten und andere politische Rivalen akzeptiert". Womöglich nicht ganz freiwillig: Russland könne Trump erpressen, mit Filmaufnahmen "unorthodoxer" Sexpraktiken in einem Hotel in Moskau.

Das Dossier enthält keine Beweise, bezieht sich auf nicht genannte Quellen, und das Trump-Lager versuchte schnell, Steele persönlich zu diskreditieren. In der Branche genießt der jedoch den Ruf eines absolut integren und professionellen Fachmanns. Deshalb bieten seine Erkenntnisse zumindest Anhaltspunkte, die sehr ernst genommen und weiter geprüft werden. Zumal dem FBI neben Steeles Dossier noch weitere davon unabhängige Recherchen vorliegen sollen, die der frühere Journalist Cody Shearer unternommen hat – und die zumindest in Teilen zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangen.

3. Wegen harmloser Kontakte hätte niemand schweigen oder lügen müssen

Der Verdacht, Trump könne mit Russland gemeinsame Sache gemacht haben (welche auch immer), entspringt also nicht irgendeiner Verschwörungsfantasie. Deshalb ist auch das Interesse an den zahlreichen Kontakten und Treffen, auf die sich Trumps Team mit russischen Akteuren einließ, nur berechtigt. Die Liste ist lang und reicht von Donald Trump junior über den heutigen Justizminister Jeff Sessions – der sich deshalb aus den Ermittlungen zurückzog – bis zum Schwiegersohn und Präsidentenberater Jared Kushner. Wer genau hinsieht, erkennt ein Muster: Sie alle hatten teils oder ganz abgestritten, überhaupt je mit Russen in Kontakt gewesen zu sein, oder als dann doch entsprechende Treffen bekannt wurden, sie als zufällige Begegnungen ohne Bedeutung beschrieben. Die Frage drängt sich auf, warum so offensichtlich verschleiert wurde, was angeblich so harmlos gewesen sein soll.