Im Iran gehen die Menschen auf die Straße, und der Westen zeigt mal wieder, wie tief gespalten er ist. Donald Trump begrüßte eifrig twitternd den "Volksaufstand gegen das brutale Regime" und rief zu "change" auf, was zusammengefasst "regime change" ergibt. Das ist die maximale Forderung, mit der schon George W. Bush vor 15 Jahren den Nahen Osten aufgemischt hatte. Die Europäer leiden heute noch unter den Folgen – und sind wesentlich vorsichtiger in ihren Reaktionen.

Aber was ist richtig? Darf man leisetreten, wenn iranische Milizen mit roher Gewalt gegen Demonstranten vorgehen? Steht das Atomabkommen mit Iran auf dem Spiel? Hat die US-Administration womöglich sogar recht, wenn sie sich auf die schwarzen Eminenzen in Teheran einschießt?

Donald Trump hat zwei Fronten eröffnet, eine gegen Teheran und eine gegen seinen Vorgänger Barack Obama. Auf Letztere scheint es ihm wirklich anzukommen, und das verhindert jede kluge Iran-Politik. Trump beschuldigt Obama, Iran nach dem Atomabkommen Geld gegeben zu haben, das dem Regime die Unterdrückung erst richtig ermöglicht habe. Mal abgesehen davon, dass es iranisches Geld auf US-Konten war, das Obama als Gegenleistung für den iranischen Verzicht auf nukleare Anreicherung freigegeben hat: Jetzt auf das Atomabkommen einzudreschen, es womöglich aufzukündigen, wäre eine epochale Dummheit.

Unruhen im Iran - Chamenei macht "Feinde des Landes" für Proteste verantwortlich Bei Demonstrationen gegen die iranische Regierung sind bereits mehr als 20 Menschen getötet worden, die Proteste dauern weiter an. Irans religiöses Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei macht "ausländische Mächte" für die Unruhen verantwortlich. © Foto: Office of the Iranian Supreme Leader/AP/dpa

Westen soll Atomdeal außen vor lassen

Der Nukleardeal ist nämlich genau das, worauf viele Demonstranten hofften und wovon sie sich ein besseres Leben versprachen, das nicht gekommen ist. Vor allem, weil das iranische Regime korrupt ist und den Revolutionsgarden mehr zuschanzt als den Notleidenden. Sollte Trump nun aber den Deal aufkündigen, würde er dem Regime das perfekte Argument in die Hand geben: "Der Westen ist an allem schuld."

Deshalb sollten westliche Politiker vor allem drei Dinge beherzigen: erstens, den Atomdeal außen vor lassen, zweitens, nichts überstürzen, drittens, konsequent sein.

Die Reaktion der Europäer beschränkt sich derzeit auf Ermahnungen und Kritik an der Gewalt gegen die Demonstranten. Das ist vorerst die angemessene Reaktion. Eine konkrete Unterstützung der Opposition zum augenblicklichen Zeitpunkt ist sinnlos, weil man nicht weiß, wer zu fördern wäre, wie man fördern könnte und welche Folgen das hätte. Der Rückblick auf die arabischen Aufstände zeigt, dass falsche Ermunterung zur falschen Zeit verheerende Folgen haben kann.