Der türkische Außenminister spielt für sein Leben gern Golf. Mevlüt Çavuşoğlus Handicap ist 12, also ziemlich fortgeschritten, und besonders gern spielt er mit mächtigen Männern. Mitte der Woche kam Çavuşoğlu nach Antalya, ins Sport-, Spa- und Golfhotel Regnum, wo vor drei Jahren die Führer der G20-Staaten tagten. Doch diesmal wollte der Minister keine anderen Staatsmänner treffen, sondern eine kleine Gruppe von deutschen Journalisten.

Er hatte ordentlich Zeit mitgebracht: Mehrere Stunden saß er mit uns Korrespondenten zusammen. Er lächelte viel, polterte wenig, erklärte, aß und lachte. Es war ein Teil der türkischen Charmeoffensive Deutschland gegenüber, die Çavuşoğlu nun schon seit einiger Zeit betreibt. Vor Wochen hatte er den deutschen Außenminister Sigmar Gabriel nach Antalya eingeladen; am vergangenen Samstag stattete er Gabriel zu Hause einen Gegenbesuch ab. "Dostlar in Goslar", witzelten Beobachter in bestem Deutschtürkisch, "Freunde in Goslar".

Nun gab es also einen sehr freundschaftlichen Empfang für einige deutsche Journalisten in Antalya. Auch das ist ganz neu. Çavuşoğlu hatte vor allem drei Botschaften mitgebracht: Das Verhältnis zu Deutschland sei doch besser als gedacht. Das zu Russland allerdings gar nicht so einfach – und das zu den USA denkbar schlecht.

Kein Krieg gegen Deutschland

Mit Deutschland habe die Türkei nie Kriege geführt, sagte er. Nun ja, wenn man die Auseinandersetzungen zwischen dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und dem Osmanischen Reich als habsburgische Lokalposse verbucht – dann stimmt das sogar. Auf jeden Fall aber stimmt es für den deutschen Nationalstaat seit 1871.

Was der Außenminister damit sagen wollte: Wir seien doch beste Freunde, die in letzter Zeit vielleicht ein bisschen viel von "Emotionen und einem negativen Klima" mitgenommen wurden. Alle, auch die Presse bitteschön, sollten nicht mit Emotionen spielen. Nun war es aber gerade Çavuşoğlu, der den Deutschen im vergangenen Jahr – durchaus emotional – Nazi-Methoden vorgeworfen hatte, nachdem sein ebenfalls etwas emotionaler Chef damit angefangen hatte. Darauf angesprochen, schob Çavuşoğlu kurz sein Essen beiseite, wurde etwas lauter und erklärte, dass deutsche Journalisten Recep Tayyip Erdoğan einen Diktator genannt hätten. "Die Türkei antwortet nur auf das, was sie zuvor erlitten hat." Sein Land wolle mit Respekt behandelt werden.

Kanzlerin Angela Merkel aber, die findet Çavuşoğlu ziemlich gut. Er dankte ihr dafür, dass sie sich nach dem Flüchtlingsabkommen mit der Türkei so für die Verteilung von Flüchtlingen in Europa eingesetzt habe. Auch wenn andere Europäer sie da blockierten: "Sie hielt, was sie versprach." Sie sei die führende Politikerin Europas – neben Erdoğan, lachte der Minister. Der türkische Präsident werde sie einladen, sobald sie die neue Regierung geformt habe. Zumal man vieles ähnlich sehe. Vor allem im Nahen Osten, wenn es um Syrien und Jemen gehe.

Mit Russland ist es kompliziert

Mit den Russen jedoch – mit denen sich Erdoğan so gut verstehen will – gibt es in jüngster Zeit wieder Probleme. Gerade hatte Çavuşoğlu die Botschafter Russlands und Irans einbestellt: eine heftige diplomatische Geste. Der Grund für sie liegt in Syrien, wo das Regime von Diktator Baschar al-Assad fortlaufend Zivilisten und die Opposition bombardiert. Damit würden die Friedensgespräche von Astana gefährdet, sagte Çavuşoğlu. "Russland und Iran sind die Garantiemächte des Regimes." Also müssten sie etwas tun, damit die Bombardierungen aufhörten.

Der Minister ärgerte sich auch darüber, dass Russland die kurdischen YPG-Kräfte in Nordsyrien unterstützt, einen Ableger der kurdisch-türkischen PKK. Die Kurden bekommen Militärhilfe und unterhalten weiter ein Verbindungsbüro in Moskau. Çavuşoğlu beschwert sich darüber regelmäßig bei den Russen, aber die spielen mit ihm Katz und Maus. Sie sagen, selbst wenn Russland die Kurden nicht unterstützte, dann täten es  eben die Amerikaner. Und wenn sich Çavuşoğlu in Washington beklagt, bekommt er das Gleiche umgekehrt zu hören: Wenn die USA die Kurden nicht unterstützen würden, liefen die zu den Russen über. Als er das erzählte, lachte der Minister erneut, diesmal sarkastisch.

Vergiftete Beziehung zu den USA

Am schwierigsten aber sei alles mit den Amerikanern, sagte Çavuşoğlu. Denn in den USA lebt der islamische Prediger Fethullah Gülen, den Erdoğan beschuldigt, den Putsch gegen ihn organisiert zu haben. Und in den USA läuft ein Prozess, in dem Erdoğan-Vertraute und türkische Banken angeklagt sind, im Handel mit dem Iran amerikanische Sanktionsgesetze gebrochen zu haben. Ein türkischer Angeklagter wurde gerade verurteilt. Çavuşoğlu schäumte. "Das ist ein rein politischer Prozess", sagt er, der Angeklagte sei absolut unschuldig. Die FETÖ-Terroristen, wie seine Regierung die Gülen-Bewegung nennt, hätten den Ermittler bewirtet. "Das hat unsere Beziehungen vergiftet", sagt Çavuşoğlu düster.

In solchen Momenten lässt der Minister durchblicken, dass er immer noch der Alte sein kann. "Ihr schützt die FETÖ-Terroristen", sagte er mit Blick auf die unbehelligt und frei lebenden Anhänger Gülens in Deutschland. Wer Terrorist ist und wer nicht, das schätzen Deutschland und die Türkei unterschiedlich ein. Darüber müsse man reden, meinte Çavuşoğlu; und über die Freundschaft natürlich. Erdoğan habe in jüngster Zeit zwei Mal lang mit Steinmeier telefoniert, einmal ausführlich mit Merkel, und das sei nur der Anfang.

Damit hatte der Minister aufgegessen und brach auf. Er verriet noch, dass er gern früh aufstehe und dann schon um sechs Uhr auf dem Golfplatz stehe. Da war es nun wirklich Zeit, ins Bett zu gehen.