ZEIT ONLINE: Für viele Beobachter kamen die anhaltenden Unruhen im Iran völlig unerwartet. Sie warnten dagegen schon vor einigen Wochen vor massiven Protesten. Warum?

Ali Fathollah-Nejad: Neben strukturellen Ursachen häuften sich in jüngster Zeit Erscheinungen, die eine neue Ebene des Unmuts gegenüber dem ganzen Regime andeuteten. In den vergangenen Monaten waren die Preise für Benzin und Lebensmittel massiv angestiegen, was vor allem die Unterschicht und die ausgehöhlte Mittelschicht zu spüren bekamen. Zur selben Zeit setzten sich Arbeiterproteste gegen Lohnausfälle und willkürliche Entlassungen fort, trotz heftiger Repression der Sicherheitskräfte. Mitte November hatten die schweren Erdbeben allen Iranern vor Augen geführt, wie wenig sich das Regime um ihre lebenswichtigen Belange kümmert. Die unter Korruption erbauten Sozialwohnungen der Ahmadinejad-Zeit waren sofort kollabiert und rissen unzählige Menschen in den Tod. Die Hilfen der Ruhani-Regierung kamen nur äußerst zögerlich. Das ließ viele buchstäblich in der Kälte stehen. Und um den Tag der Studenten am 7. Dezember herum protestierten Studierende an vielen Universitäten gegen politische und wirtschaftliche Missstände.

ZEIT ONLINE: Auch die Bekanntgabe des Haushalts für 2018 hat viele wütend gemacht.

Fathollah-Nejad: Ruhanis Haushaltspläne spotten dem von ihm zuletzt lauthals verkündeten Versprechen von sozialer Gerechtigkeit. Immense Summen sind für religiöse Stiftungen vorgesehen, die von der Steuer befreit sind und von Rechtskonservativen bis hin zu Reformisten geführt werden, wie Hassan Chomeini, dem Neffen des Gründers der Islamischen Republik. Auch das Budget der Revolutionsgarden sollen aufgestockt werden. Der Budgetplan des Präsidenten hat damit auch die letzte Hoffnung zunichtegemacht, dass er Reformen im Sinne der Bevölkerung umsetzen würde. Enttäuschte Ruhani-Wähler starteten daraufhin eine Twitter-Kampagne gegen ihren einstigen Hoffnungsträger – mit dem Hashtag "Ich bereue".

ZEIT ONLINE: Was als kleiner Protest abseits der Hauptstadt begann, wurde schnell zu landesweiten Unruhen mit mindestens 21 Toten. Wie konnte der Unmut so weit um sich greifen?

Dr. Ali Fathollah-Nejad ist Politikwissenschaftler und Iran-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und am Belfer Center der Harvard Kennedy School. Derzeit ist er Gastwissenschaftler am Brookings Doha Center.

Fathollah-Nejad: Den Kern des Übels bildet die anhaltende soziale Misere sowie ein autokratisches und repressives politisches System innerhalb eines Regimes, das sich reformresistent zeigt. Ungefähr die Hälfte der Iranerinnen und Iraner lebt an der Armutsgrenze. Offiziell ist jeder Achte arbeitslos und jeder vierte junge Mensch – tatsächlich dürften die Zahlen noch höher liegen. Die wirtschaftlich Abgehängten sind die Triebkräfte des gegenwärtigen Aufstands, danach haben sich auch Teile der Mittelschicht und Studenten angeschlossen. Hinzu kommt der Frust über den Atomdeal. Die Pfründe aus den Geschäften gingen fast ausnahmslos an die Eliten. Nichts kam beim Rest der Bevölkerung an. Im Gegenteil nahmen Armut und Einkommensungleichheit sogar zu.

ZEIT ONLINE: Warum hatten das so wenige kommen sehen?

Fathollah-Nejad: Ich hatte schon zu Anfang der Amtszeit Ruhanis vor Illusionen hinsichtlich seiner angeblich fortschrittlichen Agenda gewarnt. Damals warnten auch im Iran selbst intellektuelle Magazine sowie der Arbeiterschaft nahestehende Publikationen vor den sozialen Folgen seiner neoliberalen Wirtschaftspolitik. Man könnte auch sagen, dass er – genau wie die Reformisten – nicht einmal daran interessiert war, die soziale Misere anzupacken. Das wollten viele Beobachter in Deutschland und Europa aber nicht sehen.

ZEIT ONLINE: Was sahen sie stattdessen?

Fathollah-Nejad: Die meisten Iran-Experten zeichneten ein Bild, dass sich besser in den Annäherungsprozess Deutschlands und Europas mit Teheran fügte. Dazu gehört, die Unterschiede zwischen den Fraktionen im Regime maßlos zu übertreiben. Man teilte sie auf in vermeintlich gute und böse Kräfte, in Moderate und Hardliner. Dabei gibt es viel mehr Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Teilen der Elite, als dass es Unterschiede gibt. Die Unterschiede spielen in erster Linie tagespolitisch eine Rolle. Darüber hinaus dominiert das gemeinsame Interesse am Erhalt des Regimes – von dem alle Fraktionen, auch die Reformisten, massiv profitieren. Das Gesamtbild samt sozialer Misere, diktatorischer Verhältnisse sowie politischer und wirtschaftlicher Interessen haben viele dagegen geflissentlich ignoriert. Die Illusionen über ein reformfähiges Regime und den "Reformer Ruhani" fallen nun in sich zusammen.