Das Jahr 2017 endete in Moskau mit einem Rekord: Der Dezember, traditionell sowieso dunkel und verhangen, war der dunkelste Monat seit Beginn der Wettermessung. Sechs Minuten Sonne! In 31 Tagen! Macht im Schnitt alle fünf Tage eine Minute, das bekommen selbst zwei Tageslichtlampen nicht ausgeglichen. "Eine erstaunliche Situation", nannte es ein russischer Meteorologe. Mir fallen drastischere Worte zu diesem Elend ein.

Was folgt daraus? Fahren Sie nicht im Dezember nach Moskau, aber fahren Sie noch in diesem Jahr! Wegen der WM, trotz der WM! Denn nur wenige Städte dürften sich so rasant verändern wie derzeit Moskau – wer vor zehn Jahren hier war, wird sich heute die Augen reiben. Und wer sich in zehn Jahren aufmacht, wird sehen, wie dynamisch, fantastisch und skrupellos die Entwicklung dieser Stadt ist; wie sie wächst und sich neu zu erfinden sucht.

Wenn mich deutsche Bekannte in Moskau besuchen, begegne ich häufig zwei Reaktionen. Die erste kommt noch vor der Reise, als sei Moskau wirklich Mordor: Ist es sicher da? Ja, für westliche Touristen schon, selbst nachts. Kaum angekommen, kaum im innersten Ring der Stadt, folgt die zweite Reaktion: Überwältigung. Wie sauber die Straßen doch sind! Wie cool die zu Clubs und Ateliers umgebauten Fabriken! Wie überbordend die Blumenbeete, wie prächtig die Straßenbeleuchtung! Wie schick die Cafés und Restaurants sind, wie ausufernd die Gehwege, und das da, ist das wirklich ein Fahrradweg?

Ja, ist es. Manchmal fahren sogar Leute darauf und es gibt Mieträder. Strafzettel zahlt man hier online, ebenso wie die Parkgebühren, Carsharing ist neuerdings weit verbreitet. Und nachts im Sommer vermieten Leute mitten in der Stadt Pferde. Überhaupt, Moskau im Sommer, wenn der nicht gerade ausfällt, wird es zu einem besonderen Ort: Der Gang der Geschäftigen verlangsamt sich, Paare flanieren am Ufer der Moskwa, Kinder spielen noch um Mitternacht in den Fontänen der Tretjakow-Galerie. Dazu Festivals und Open-Air-Konzerte, Freiluftkino in den Parks, Beachvolleyball im Gorki-Park. Einerseits.

Andererseits ist auch das noch immer Moskau: Monumentale Architektur, überbordende Überwachung und Bürokratie, barsche Damen an den Schaltern, spitze Ellenbogen in den Metros – der graue Sozialismus, in dem das Individuum nichts zählen durfte, ist nie gänzlich verschwunden. Heute legt sich das neue Autoritäre darüber. Der Glanz hat viel mit dem Moskauer Bürgermeisters Sergej Sobjanin zu tun. Ihm wurde gar ein neues Verb gewidmet: Sobjanit. Frei übersetzt: zu sobjanieren. Sprich: Moskau zu einer hypermodernen Stadt nach europäischem Vorbild umzubauen, ohne die Bürger zu fragen, was sie davon halten.

Bürger? Sind hier Konsumenten oder Unmündige: Da kann es schon passieren, dass die Stadtverwaltung beschließt, die Häuser von mehr als einer Million Moskauer abzureißen und sie umzusiedeln, ohne ihnen zu sagen, wohin und ohne sie zu fragen, ob sie das wollen, ihr Privateigentum hergeben. Erst als es Proteste hagelte, ordnete der Bürgermeister doch noch eine Abstimmung an. Weshalb, nach Moskau gefragt, meine Sätze oft anfangen mit einem begeisterten: Ja! Und weitergehen mit: aber.

Ja, Moskau ist eine großartige Stadt, aber sie kann unfassbar zehrend sein. Ja, Moskau entwickelt sich atemberaubend schnell, aber die Kosten dafür zahlen zum Beispiel jene unterbezahlten Gastarbeiter, die im Sommer für neue Fußwege selbst nachts noch Steine schnitten – mit nackten Händen und Flipflops an den Füßen. Ja, Moskau hat großartige Restaurants, aber wer kann sie sich bei den russischen Durchschnittsgehältern schon leisten? Ja, die Parks sind wunderschön, aber sie erinnern mehr an einen Freizeitpark denn an öffentlichen Raum.