Noch fühlt sich der Frieden ungewohnt an. Sharo Garip ist frei – vorerst. Endlich wieder eine Neujahrsfeier, die er ohne Angst genießen konnte. Keine Sorge mehr, dass ihn Polizisten abholen, um ihn in Handschellen ins Gefängnis abzuführen. "Ich war eine Geisel", sagt der deutsche Sozialwissenschaftler, der seit Ende Dezember wieder in seiner Heimatstadt Köln wohnt.

Rückblick: Mitte Dezember in Istanbul, an einem Sonntag, da steckt der 51-Jährige mit der eckigen Brille und den Dreadlocks noch in der Türkei fest. "Ich bin erschöpft von der Jagd", sagt er in einem Café in der Millionenmetropole. Seit rund zwei Jahren schon darf er aus der Türkei nicht mehr ausreisen, und in zwei Tagen muss er erstmals vor Gericht. Es könnte sein, dass Garip am Dienstag für sieben Jahre ins Gefängnis muss. So hoch ist die Strafe, welche die Staatsanwaltschaft für seine Unterschrift fordert.

"Ich bin bereit", sagt er mit einem durchdringenden Blick. In seiner Tasche, die er fest an sich hält, hat er seine Verteidigungsrede. "Ich habe mich niemals einer Ideologie, politischen Organisation oder Vereinigung unterworfen. Das Einzige, dem ich mich als Akademiker verpflichtet fühle, ist die Wahrheitssuche selbst", steht da. Es gebe keine Beweise, dass er die als Terrororganisation verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK unterstütze. "Ich weise die in der Anklageschrift genannten Vorwürfe entschieden zurück", lautet der letzte Satz.

Das sieht die türkische Justiz anders. Garip arbeitet in der ostanatolischen Stadt Van als Dozent an der Universität, als er im Januar 2016 die Petition Akademiker für den Frieden unterschreibt, in der die Unterzeichner das Vorgehen der türkischen Sicherheitskräfte in den kurdischen Gebieten kritisieren und eine friedliche Lösung des Konflikts fordern. Garip wird fristlos entlassen, es wird ein Ausreiseverbot verhängt. "Man kann in diesem Land für alles mögliche Petitionen unterzeichnen. Aber nicht für Kurden", sagt er mit einem zynischen Lächeln. Garip muss das zweite Mal in seinem Leben in Untersuchungshaft, es folgt eine Klage wegen Terrorpropaganda.

"Es war ein Trauma"

Die Geschichte des Sharo Garip ist auch eine Geschichte des Nichtloslassenkönnens. Geboren und aufgewachsen ist er im zentralanatolischen Konya. Seine Mutter kann sich nicht an sein Geburtsjahr erinnern, nur, dass ein Donnerwetter während der Niederkunft herrschte. Als er für das Abschlusszeugnis der Grundschule ein Geburtsdatum nennen muss, einigen sie sich auf den 1. Februar 1966. Weil Familie Garip zu Hause nur Kurdisch spricht, versteht er die ersten Schuljahre nichts im Unterricht.

Die Garips sind eine mittellose Familie mit zwei Töchtern und einem Sohn, doch ihr Leben in der rauen Umgebung sei trotzdem glücklich gewesen, sagt Sharo Garip. Der Vater geht 1968 allein nach Mainz, um dort 17 Jahre als Gastarbeiter zu schuften. Er schwärmt so begeistert von Deutschland, dass der Sohn ihm für ein Studium unbedingt folgen will. Doch der Weg dorthin ist ein anderer, als er es sich wünschte.

Die Eltern seien unpolitisch gewesen, sagt Garip. Er dagegen engagiert sich für die "kurdische Sache". Vater und Mutter warnen ihn: Niemals sagen, dass er Kurde sei – zu groß ist die Angst vor staatlicher Verfolgung. "Es war sehr schmerzhaft für mich, dass ich meine Identität verstecken sollte." Gerade einmal 23Jahre alt, musste er für sieben Tage in türkische Untersuchungshaft. Darüber sprechen will er nicht. Nur so viel: "Es war ein Trauma."

Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen ihn. Der Vorwurf auch hier: Propaganda für die PKK. Als politischer Flüchtling gelangt er Anfang der 1990er Jahre nach Köln. Er beginnt dort ein Studium, wird eingebürgert, gibt den türkischen Pass ab. Der Vater war schon wieder in Konya, und er muss sich allein mit Jobs durchschlagen. "Ich bin der deutschen Gesellschaft dankbar für die Aufnahme, ich bin ein Teil von ihr geworden" – Worte, die in den Gesprächen immer wieder fallen.