Der Fall des in Berlin mutmaßlich entführten Vietnamesen Trịnh Xuân Thanh beschäftigt die Bundesregierung: Ein vietnamesischer Geheimdienstoffizier, der in Singapur festgenommen wurde, hat seine Ausreise nach Deutschland beantragt. Der 42-jährige Phan Văn Anh Vũ könne den deutschen Behörden "wertvolle Informationen über die Entführung" von Thanh geben, hieß es in einem Schreiben eines Frankfurter Anwaltsbüros an die deutsche Botschaft in Singapur.

Dem Schreiben der Anwaltskanzlei zufolge ist ihr Mandant Vũ als Oberstleutnant der vietnamesischen Geheimpolizei für die Entführung von Tanh zuständig gewesen. Trịnh Xuân Thanh soll im vergangenen Juli vom vietnamesischen Geheimdienst in Berlin verschleppt worden sein. Er wurde nach Vietnam gebracht, wo ihm eine langjährige Haftstrafe oder sogar die Todesstrafe droht.  

Vũ wird wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen in Vietnam gesucht, laut seinem Anwalt droht auch ihm dort die Todesstrafe. Er sei vergangene Woche in Singapur an der Grenze zu Malaysia festgenommen worden, sagten seine Anwälte.

In dem Schreiben wurde zudem die Erwartung geäußert, dass Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) die Aufnahme Vũs "zur Wahrung politischer Interessen der Bundesrepublik Deutschland erklären" werde. Laut dem Schreiben sollte am Dienstag ein Gespräch eines Kontaktmanns des Anwalts mit Beamten des Landeskriminalamts Berlin stattfinden. Dies wurde von offizieller Seite weder bestätigt noch dementiert.

Nach bisherigem Erkenntnisstand war Thanh im Juli vergangenen Jahres in Berlin auf offener Straße verschleppt worden. Zeugen hatten beobachtet, wie der Ex-Politiker und Geschäftsmann in einem Berliner Park mit Gewalt in ein Auto gezerrt wurde. Einige Tage später tauchte er in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi auf, wo er seither inhaftiert ist. Die vietnamesische Botschaft soll dabei direkt verwickelt gewesen sein, das Auswärtige Amt spricht von "Menschenraub" und "Entführung". In einem TV-Auftritt behauptete Thanh hingegen, aus freien Stücken zurückgekehrt zu sein, um sich seiner Verantwortung zu stellen. Allerdings blieb unklar, unter welchen Bedingungen die Aussage zustande kam. Der Fall löste eine Krise im diplomatischen Verhältnis beider Länder aus.

Der Prozess gegen Thanh soll in der kommenden Woche in Hanoi beginnen. Ihm wird vorgeworfen, als früherer Chef der Staatsfirma PetroVietnam Construction unter anderem Staatsgelder in Millionenhöhe veruntreut sowie Schmiergelder kassiert zu haben. Er soll für Verluste von umgerechnet etwa 125 Millionen Euro verantwortlich sein. Seine deutschen Anwälte hingegen sehen ihn als "Opfer eines Machtkampfs innerhalb der KP" (Kommunistische Partei Vietnams).

Die vietnamesischen Behörden hatten im vergangenen Jahr im Zuge einer Anti-Korruptionskampagne zahlreiche ehemalige Funktionäre, Beamte und Bankkaufleute festgenommen oder inhaftiert. Kritiker sehen darin den Versuch der neuen Regierung, gegen unliebsame Politiker der vorherigen Führung vorzugehen.