Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat die Türkei aufgerufen, bei der Offensive im syrischen Kurdengebiet bei Afrin Augenmaß zu bewahren. "Alle Staaten haben das Recht, sich selbst zu verteidigen, aber das Vorgehen muss verhältnismäßig und maßvoll sein", sagte der Norweger. Zugleich äußerte er allgemein Verständnis für die Regierung in Ankara. "Die Türkei gehört zu den Nato-Staaten, die am stärksten unter Terrorismus leiden", sagte er.

Stoltenbergs Angaben zufolge hat die Türkei die Bündnispartner in dieser Woche über die Militäroperationen in der kurdisch kontrollierte Region Afrin unterrichtet. Dass sich die Nato als Ganzes klar kritisch zu der türkischen Militäroffensive äußern wird, ist nahezu ausgeschlossen. Stellungnahmen des Bündnisses zu aktuellen Themen müssen nämlich die Zustimmung aller Mitgliedstaaten haben – also auch die der Türkei.

Zuvor hatte Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) das Militärbündnis aufgefordert, sich mit der türkischen Offensive in Syrien zu befassen. "Die Bundesregierung ist nach wie vor sehr besorgt über den militärischen Konflikt im Norden Syriens", sagte Gabriel. "Wir setzen uns deshalb gemeinsam mit Frankreich dafür ein, eine weitere Eskalation zu stoppen, den humanitären Zugang zu ermöglichen und die Zivilbevölkerung zu schützen. Das hat oberste Priorität." Allerdings trete man auch gemeinsam dafür ein, "dass die Sicherheitsinteressen der Türkei Beachtung finden".

Die Türkei geht seit Samstag in Afrin gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) vor, die sie wegen ihrer engen Verbindungen zur verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) als Terrororganisation betrachtet. Die USA, ebenfalls Nato-Mitglied, unterstützen jedoch bisher die YPG-Kämpfer mit Waffen und Spezialkräften im Kampf gegen die Dschihadisten.

Streit über ein Telefonat

US-Präsident Donald Trump forderte seinen türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdoğan nach Angaben des US-Präsidialamtes in einem Telefonat auf, jegliche Aktion zu unterlassen, durch die es zu einem direkten Konflikt mit US-Soldaten kommen könnte. Die zunehmende Gewalt untergrabe gemeinsame Ziele in Syrien.

Erdoğan wiederum forderte Trump nach Darstellung von Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu zum Rückzug der US-Truppen aus der nordsyrischen Region Manbidsch auf. In Manbidsch sind anders als in Afrin US-Spezialkräfte stationiert, um die syrischen Kurden gegen die IS-Miliz zu unterstützen. Über den Inhalt des Telefonats der beiden Präsidenten gibt es Streit: Das Weiße Haus hatte es so dargestellt, dass Trump die Türkei aufgefordert habe, deeskalieerend zu wirken. Die türkische Seite bestritt, dass Trump das gefordert habe.

Deutsche Panzer gegen Kurden?

Der Tonfall zwischen den Nato-Partnern blieb scharf: Der türkische Ministerpräsident Binali Yıldırım warf den USA erneut Unterstützung von Terroristen vor. "Das Land, das wir einen Verbündeten in der Nato nennen, steckt unter einer Decke mit Terrororganisationen", sagte Yıldırım. Dies sei sehr schmerzhaft und demütigend. Der US-Beauftragte für den Kampf gegen die IS-Miliz, Brett McGurk, warnte, die Operation in Afrin drohe "dem IS neues Leben zu geben, der sich am Rande der Niederlage befindet".

Auch zwischen der Türkei und Deutschland verschärften sich die Spannungen. Die geschäftsführende Bundesregierung will nach Worten von Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) wegen der Militäroffensive keine Entscheidung mehr über heikle Rüstungslieferungen deutscher Waffenhersteller für den Nato-Partner fällen. Damit wird erst eine mögliche neue Regierung aus Union und SPD über die von Ankara gewünschte Nachrüstung von Leopard-2-Panzern befinden.

Nach einem Besuch seines türkischen Amtskollegen Mevlüt Çavuşoğlu hatte Gabriel noch vor drei Wochen angekündigt, den türkischen Antrag auf eine Nachrüstung der Panzer wohlwollend prüfen zu lassen. Doch Bilder aus dem Konfliktgebiet Afrin legen nahe, dass die türkische Armee bei dem Einsatz gegen die YPG auch Kampfpanzer vom Typ Leopard 2 vom deutschen Hersteller Krauss-Maffei einsetzt. Das hatte der Bundesregierung Kritik eingebracht.