Im Halbkreis umschließt die türkische Grenze die kleine Provinz Afrin. Die andere Hälfte grenzt an feindliches syrisches Gebiet. Von allen Seiten rücken Truppen auf das Landesinnere vor, die Freie Syrische Armee von Westen, die Dschihadisten der Hayat Tahrir al-Sham von Süden, türkische Einheiten vor allem von Norden und Osten. In den letzten 24 Stunden haben erste Raketen das Herz Afrins getroffen: den Staudamm bei Meydanki. Die Bewohner haben große Angst, dass er brechen könnte. Viele sind auf der Flucht, obwohl sie eingekesselt sind und eigentlich nirgendwo hinkönnen. Sie können nur hoffen, nicht zwischen die Fronten zu geraten.

Die Türkei aber scheint es ernst damit zu meinen, die kurdische Miliz YPG erst aus Afrin und dann aus ganz Nordsyrien zu vertreiben. Damit stürzt sie eine Gegend ins Chaos, die unter kurdischer Verwaltung zu Stabilität und Ruhe zurückgefunden hatte. Sie galt als einziger Hoffnungsschimmer, wo Menschen verschiedener Religionen, Konfessionen oder Ethnien zusammenleben können und zwischen Männern und Frauen mehr Gleichheit herrscht als im Rest des Landes.

Auf der anderen Seite mag die Türkei gute Gründe für ihre Offensive haben: Sie fühlt sich durch das Staatsprojekt der Kurden an der eigenen Grenze bedroht. Nur ein kleiner Teil zwischen der Provinz Afrin und dem Euphrat fehlt noch, dann kontrolliert die kurdische Partei PYD einen Korridor, der sich über fast ganz Nordsyrien bis an die irakische Grenze erstreckt. Dahinter schließt die autonome Region Kurdistan im Nordirak an.

Syrien - Türkei setzt Operation Olivenzweig fort Das türkische Militär greift weiterhin Stellungen kurdischer Truppen in Nordsyrien an. Nach Schätzungen der UN sind bereits 5.000 Menschen aus der Region geflüchtet. © Foto: Ozan Kose/AFP/Getty Images

Die türkische Regierung unter Recep Tayyip Erdoğan ist sich sicher, dass die PYD langfristig einen Kurdenstaat errichten will, der auch türkisches Gebiet einschließt. In Ankara ist man entsprechend nervös in Zeiten, in denen die Grenzen, die nach dem Ersten Weltkrieg gezogen wurden, überall in der Region wieder verhandelbar scheinen. Doch es ist nicht nur diese Gefahr von außen, die den Türken Sorge bereitet. Auch von innen fühlen sie sich bedroht: Die PYD soll der PKK nahestehen, die immer wieder Anschläge auf türkischem Boden verübt und deshalb von vielen als Terrororganisation angesehen wird. Aus Sicht der Türkei geht es so in Afrin auch um ihre innere Sicherheit.

In erster Linie richtet sich die Militärintervention präventiv gegen den Plan der USA, in Nordsyrien eine kurdisch dominierte Grenztruppe von 30.000 Soldaten aufzubauen. Mit einer solchen Kampfeinheit will Washington dem "Islamischen Staat (IS) langfristig etwas entgegensetzen. Für Erdoğan ist das jedoch ein Vorwand, er hält die Extremisten des IS für besiegt und traut der weiteren Unterstützung der YPG durch die USA nicht. Deshalb will er jetzt lieber schnell klare Verhältnisse schaffen, bevor es jemand anderes tut. Außerdem könnte Ankara die ersten syrischen Flüchtlinge aus der Türkei zurück nach Syrien bringen und in Afrin ansiedeln, sobald die Provinz unter türkischer Kontrolle ist – so Erdoğans Plan. Momentan sieht es jedoch eher so aus, als würden die Bewohner Afrins selbst bald flüchten müssen. Bereits jetzt sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen 5.000 Menschen auf der Flucht vor der türkischen Offensive. Auf 50.000 weitere stellen sie sich ein.

Wird Erdoğan die Region mit einem kurzen und präzisen Eingriff gegen die Kurden stabilisieren können, wie es der Plan ist? Das wäre eine Illusion, viel wahrscheinlicher sind anhaltende Kämpfe. Denn Militärinterventionen, die wie eine chirurgische Operation schnell und sauber verlaufen, gibt es nicht. Das zeigen die Beispiele aus der jüngeren Geschichte in Kosovo, Irak, Afghanistan oder Libyen. So wird auch die Türkei in Syrien eher mehr Chaos anrichten, als Klarheit schaffen. Aus mehreren Gründen.

Vielleicht gelingt es der Türkei, die kurdische Kontrolle über Afrin zu brechen. Vielleicht lässt sie sich nicht in lange Kämpfe verwickeln, sondern kann dort innerhalb weniger Tage oder Wochen die Oberhand gewinnen und einen schnellen Sieg verkünden. Direkte Zusammenstöße mit US-Streitkräften muss sie hier nicht befürchten, die sind weiter östlich auf der anderen Seite des Euphrat stationiert.