Zum Feiern ist in Tunesien derzeit niemandem zumute. In der Woche vor dem siebten Jahrestag des Arabischen Frühlings am 14. Januar ist die Stimmung angespannt. Genauso wie 2011, als das Volk Diktator Zine el Abidine Ben Ali in die Flucht schlug.

In der Nacht zu Donnerstag kam es erneut in einem Dutzend von Orten zu Randale und Plünderungen. "Das Volk fordert den Sturz des Finanzgesetzes", skandierten die Protestierer im Zentrum von Tunis. Für Freitag haben die Aktivisten zu einer Großdemonstration in der Hauptstadt gegen ein umstrittenes Spargesetz aufgerufen, welches die gröbsten Löcher im Staatshaushalt durch den Abbau von Subventionen, höhere Verwaltungsabgaben und eine höhere Mehrwertsteuer stopfen soll.

Das Sparpaket trifft vor allem ärmere Bürger, weil es Lebensmittel und Medikamente verteuert genauso wie Benzin und Kochgas. Zudem verlor der tunesische Dinar in den letzten zwei Jahren ein Viertel seines Wertes, 2018 soll es nach dem Willen des Internationalen Währungsfonds (IWF) noch einmal um 15 Prozent bergab gehen. Die Demonstranten fordern, dass die Regierung das neue Finanzgesetz kassiert und stattdessen energischer gegen Korruption vorgeht. Sie wollen, dass die Lebensmittelpreise wieder sinken. Und sie verlangen, der Staat solle Familien mit geringem Einkommen besser unterstützen.

Straßensperren in Sidi Bouzid

Mehr als 600 Menschen wurden bisher festgenommen und rund 80 Polizisten verletzt, in Tebourba 30 Kilometer westlich von Tunis starb ein 45-Jähriger unter noch ungeklärten Umständen. Vor allem im vernachlässigten Zentrum des Landes, aber auch in der Touristenmetropole Sousse und den Außenbezirken von Tunis lieferten sich Demonstranten Straßenschlachten mit der Polizei.

In Sidi Bouzid, wo Gemüsehändler Mohamed Bouazizi Ende 2010 mit seiner Selbstverbrennung den Arabischen Frühling auslöste, errichteten Jugendliche Straßensperren und zündeten Autoreifen an. Nahe Tunis in Hammam-Lif konnten Sicherheitskräfte einen Brandschlag auf einen Schnellzug nach Sousse verhindern. Auf der Insel Djerba, wo die meisten der etwa 2.000 tunesischen Juden leben, schleuderten Angreifer einen Brandsatz in eine Synagoge im Hauptort Houmt Souk, der jedoch nur geringen Schaden anrichtete.

Premierminister Youssef Chahed versuchte, die Gemüter zu beruhigen: "Die Situation wird sich verbessern", beteuerte er im Radio. 2018 werde das letzte schwierige Jahr mit dem letzten schwierigen Haushalt sein. "Die tunesische Wirtschaft nimmt an Fahrt auf. Deshalb fordern wir, dass alle die Gewalt einstellen und miteinander reden."