Zwischen der Türkei, Griechenland und Zypern ist ein Konflikt um territoriale Ansprüche im Mittelmeer neu entbrannt. Türkische Kriegsschiffe hindern seit mehreren Tagen ein italienisches Bohrschiff daran, ein Erkundungsgebiet südöstlich der zyprischen Hafenstadt Larnaka zu erreichen. Dort werden reiche Erdgasfelder vermutet. Die EU rief zur Zurückhaltung auf, was bislang keine Wirkung zeigte. Im Gegenteil kam es zu einem Zwischenfall in der Ägäis. Dort rammte am Dienstag ein türkisches Patrouillenboot ein Boot der griechischen Küstenwache.

Griechische Medien meldeten, dass außerdem eine Fregatte der italienischen Marine in das Seegebiet vor Zypern zum Schutz der Tiefseebohrschiffes entsandt worden sei. Die Saipem 12.000 wurde von dem italienischen Energieunternehmen ENI gemietet, der Konzern hat von der Republik Zypern ein Konzession für die Erdgassuche im Seegebiet vor der Südküste der Insel erhalten.

Zu den jüngsten Verwerfung kam es, weil die Regierung in Ankara das EU-Land Zypern nicht anerkennt. Solange es keine Lösung der Zypern-Frage gibt, darf nach Ansicht der Türkei nicht nach Bodenschätzen gesucht werden, ohne dass die türkischen Zyprer solchen Erkundungen zustimmen. Die drittgrößte Mittelmeerinsel ist seit 1974 geteilt. Im Norden gibt es die nur von der Türkei anerkannte Türkische Republik Nordzypern. Die gesamte Inselrepublik ist seit 2004 EU-Mitglied. Die Regierung in Nikosia kontrolliert aber nur den Südteil der Insel.

EU mahnt Türkei zur Ruhe

Parallel zu den Ereignissen vor Zypern kam es am Dienstag weiter nördlich an der türkischen Küste nahe der Stadt Bodrum zu dem Zwischenfall, bei dem ein türkisches Patrouillenboot ein Boot der griechischen Küstenwache rammte. Es seien Schäden am Heck des griechischen Bootes entstanden, keines der 27 Besatzungsmitglieder sei aber verletzt worden, teilte die griechische Küstenwache mit.

Das gerammte und beschädigte griechische Schiff war durch Geld der Europäischen Grenz- und Küstenwache mitfinanziert worden. Dies mache den Zwischenfall auch für den europäischen Steuerzahler relevant, sagte ein Sprecher von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in Brüssel. Die EU rief die Regierung in Ankara auf, von jeglichen Handlungen Abstand zu nehmen, die die gute Nachbarschaft gefährden könnten. Die Türkei habe die Souveränität der EU-Staaten über deren Hoheitsgewässer und deren Luftraum zu respektieren.

Nach griechischen Angaben hat das betroffene Boot 28,8 Millionen Euro gekostet. 75 Prozent davon waren aus Fonds für den Schutz der Grenzen der EU gezahlt worden. Das gerammte Boot erreichte nach Medienberichten aus eigener Kraft die griechische Insel Leros. Athen bestellte den türkischen Botschafter ins Außenministerium ein und legte Protest ein. "Die Türkei setzt Menschenleben Gefahren aus", erklärte das griechische Außenministerium.

1996 am Rand eines Krieges

Besondere Brisanz kommt dem Zwischenfall zu, da er sich in der Nähe der umstrittenen Felseninseln Imia (türkisch: Kardak) ereignete. Die Türkei und Griechenland streiten sich neben der Zypern-Frage seit Jahrzehnten auch um Hoheitsrechte in der Ägäis. 1996 hatte ein Konflikt um die unbewohnten Felseninseln Imia die beiden Nato-Staaten an den Rand eines Krieges gebracht. Dieser konnte nach einer diplomatischen Intervention der USA und nächtlichen Telefonaten des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton abgewendet werden.

Der griechische Regierungssprecher Dimitris Tzanakopoulos bestätigte, dass  durch solche Ereignisse die Beziehungen zur Türkei in jüngster Zeit destabilisierten. "Das Nachbarland trägt mit seinem Verhalten nicht dazu bei, die Turbulenzen zu überwinden", sagte er einem griechischen Nachrichtensender. Der griechische Außenminister Nikos Kotzias bezeichnet die Türkei seit Monaten als eine "nervöse Macht".

Am Dienstagabend nach dem Zwischenfall in der Ägäis telefonierten die Ministerpräsidenten Griechenlands und der Türkei, um die Lage zu beruhigen. Alexis Tsipras und Binali Yıldırım hätten über die Umstände des Unfalls gesprochen, verlautete aus griechischen Regierungskreisen. Dennoch äußern sich Diplomaten in Athen weiterhin besorgt: Zwischenfälle wie der vor Imia und die Blockade vor Zypern könnten eine größere Krise in der Region auslösen.