Wenn Jaheed Frotan die 44 Kilometer von Faizabad nach Baharak fährt, vorbei an braunen Feldern, blattlosen Obstbäumen und schroffen Bergen, zeigt er ziemlich oft nach links oder rechts. "Sehen Sie den Schnee und die ersten Häuser dieses Tals? Dort sind Taliban", sagt er.

Kurz danach kommt ein Checkpoint hinter Stapeln von Sandsäcken in Sicht, durchsiebt von Einschusslöchern. "Diesen Kontrollpunkt versuchen sie ständig zu erobern, immer wieder werden unsere Soldaten hier verwundet oder getötet", sagt Frotan. Gute 20 Minuten später zieht er mit der Hand eine Linie und sagt: "Bis hierher haben es die Taliban geschafft, als sie kurzfristig Baharak-Stadt übernommen hatten. Diese Straße hier war übersät mit Leichen."

Frotan arbeitet in der nordostafghanischen Provinz Badachschan, betreut im Auftrag der Regierung in Kabul die vielen Binnenflüchtlinge hier. Die Camps direkt in der Provinzhauptstadt Faizabad und auch im angrenzenden Bezirk Baharak sind größer und zahlreicher geworden, seit sich die Sicherheitslage in Afghanistan verschlechtert.

Seit Ende 2015 haben die Islamisten das Territorium, das sie völlig oder überwiegend kontrollieren, um ein Viertel ausgedehnt. Insgesamt leben nach US-Angaben heute 3,7 von 33 Millionen Afghanen unter dem Regime der Gotteskrieger. Weitere neun Millionen leben in Gebieten, in denen sich Regierung und Taliban die Waage halten. Und auch hier in Badachschan, der einzigen Provinz, die zwischen 1996 und 2001 nie unter Taliban-Herrschaft war, konnten sie Fuß fassen: Zwei Bezirke kontrollieren sie vollständig, einen dritten zu 80 Prozent. In weiteren fünf Bezirken halten sie Dutzende Dörfer.

Frotan beobachtet die Islamisten nur aus der Ferne. Die Tausenden vertriebenen Familien, um die er sich kümmert, können aus eigener Erfahrung erzählen, wie die Taliban in den vergangenen Jahren ihre Präsenz in Afghanistan wieder ausgebaut haben und wie brutal sie herrschen.

Die Armee kämpfte, aber sie blieb nicht

Mohammad Abdul ist einer der Kriegsvertriebenen in Faizabad. Er verfolgt seit Jahren das Erstarken der Islamisten in seiner Heimatregion Yaftal-e Balaa. Erst waren es zehn, zwanzig Kämpfer, die abends an die Tore der Dorfbewohner klopften und sie aufforderten, sie zu bekochen. Was sie tagsüber trieben, wussten die Menschen nicht. Doch es wurden immer mehr, irgendwann mehrere Hundert, die sich dann monatelange Kämpfe mit der afghanischen Armee um die Dörfer in Yaftal-e Balaa lieferten. Am Tag rückte das Militär vor und eroberte Gebiete zurück, doch es blieb nicht, um sie zu halten. Kaum war es dunkel, besetzten die Taliban sie erneut.

Heute treten sie offen auf, unterhalten Gerichte und Gefängnisse, treiben Steuern ein. Extremisten aus dem Ausland gebe es zwar auch, sagt Abdul, aber in den Dörfern seiner Heimat seien ausschließlich Einheimische zu Taliban geworden. Den Mittvierziger wundert das nicht: "Manche Eltern in unserem Dorf haben ihre Kinder nach Pakistan geschickt", erzählt er. Dort seien sie zu Mullahs ausgebildet und praktisch bewaffnet worden: "Sie kamen dann mit der Waffe über der Schulter zurück und erklärten uns, wir seien Ungläubige."

Viele hätten sich den Taliban angeschlossen, um Geld zu verdienen – etwa in den Minen, die illegal von den Islamisten betrieben werden. Andere, vor allem junge, gebildete Männer mit Meisterbriefen oder Bachelorabschlüssen, seien auf die Seite der Taliban gewechselt, weil sie nach 15 Jahren Schul- und Universitätsbildung keine Arbeit finden konnten und die Schmähungen, denen sie deswegen im Dorf ausgesetzt waren, nicht mehr aushielten.

Auch Abdul Hakim musste aus seinem Heimatdorf Dehboland fliehen, die eigenen Verwandten hätten ihn bei den Taliban denunziert, sagt er: "Ohne die Unterstützung der Bevölkerung kämen sie doch nicht weit." Hakim schüttelt lange den Kopf. Einige im Dorf seien überzeugt, dass die Islamisten das ganze Land wieder übernähmen, erst Faizabad, wo vor Jahren noch die Bundeswehr im Einsatz war, dann Khanabad und Kunduz, schließlich den Rest: "Sie schlagen sich auf ihre Seite, um auch an Macht zu gelangen", sagt Hakim.

Gespickt mit Checkpoints

Wenn Flüchtlingsbetreuer Frotan also heute die 44 Kilometer in die Bezirkshauptstadt Baharak fährt, muss er ziemlich oft bremsen. Nicht wegen der Schlaglöcher, die Straße ist mittlerweile dank internationaler Hilfe ausgebaut und durchgehend asphaltiert. Vielmehr weil der Weg heute gespickt ist mit Checkpoints, um die Straße abzusichern und Flagge zu zeigen. Alle fünf Kilometer eine künstliche Bodenwelle, die den Polizisten oder Soldaten links und rechts erlaubt, sich vorzubeugen und einen Blick ins Wageninnere zu werfen.

Stehenbleiben muss Frotan freilich nie: Ein großes Schild hinter der Windschutzscheibe lässt die Sicherheitskräfte von Weitem erkennen, dass er für die Regierung arbeitet. Doch je mehr er sich Baharak nähert, desto öfter versteckt Frotans junger Fahrer zwischen den Checkpoints das Schild mit einem raschen Handgriff unter der Sonnenblende.