Ich bin keine Feuilletonistin und lebe zudem weit weg von Deutschland, in Russland. Das Bild von Europa, das mir die russischen Staatsmedien vermitteln, zeichnet sich durch, sagen wir, gewisse Schlagseiten aus: Wahlweise droht der Untergang durch Flüchtlinge oder durch die Liberalen, die nichts auf "traditionelle Werte" geben, dafür aber auf dritte Geschlechter, Schwulenehen und #MeToo.

Und so erschrak ich, als ich mich kürzlich durch das deutsche Feuilleton klickte: Da wird ein Gedicht Gomringers übermalt, weil es die Frauen zu "bewunderungswürdigen Objekten" degradiere und zudem nahe dem Alice-Salomon-Platz hänge, der abends oft "männlich dominiert" sei, weshalb sich Frauen dort häufig nicht sicher fühlten. Da wird in Deutschland über das Bild Hylas und die Nymphen von John William Waterhouse debattiert, weil es in der Manchester Art Gallery abgehängt wurde – es zeige Frauen "passiv-dekorativ", was mir irgendwie nicht einleuchtet, denn die Nymphe zieht ja Hylas ins Wasser herab, ist also ganz schön aktiv, aber egal.

Seit zwei Jahren lebe ich nun in Russland. Was Zensur ist, war hier gerade erst zu beobachten: Da darf eine britische Komödie über Stalin nicht in den russischen Kinos gezeigt werden, weil sie den Diktator ins Lächerliche zieht, was mir für eine Komödie nicht sehr überraschend vorkommt – Verbote haben die Russen übrigens meisterhaft zu umgehen gelernt, die Raubkopien kursieren schon. Und dann gibt es noch die andere Form der Zensur, nicht staatlich organisiert, aber vom Staat toleriert: Radikale nationalistische oder christliche Gruppen stürmen Ausstellungen und Aufführungen, weil sie ihr empfindliches Moralgefühl verletzt sehen, zerstören Exponate oder attackieren Zuschauer, ohne dafür belangt zu werden. Ich merkte also auf bei den Nachrichten aus Deutschland: Was ist bei euch nur los?

Zu lesen war von der großen Furcht vor Zensur, Kulturbarbarei und Tugendterroristen, Feuilletonisten zeigten ihre Strichlisten vor, was sonst noch alles verboten werden könnte, wenn man den Anfängen nicht wehrte. Die Romane von Philip Roth ziemlich sicher (der hat die Folgen des Tugendfurors beizeiten in Der menschliche Makel kommen sehen!), Fitzgerald in Teilen auch. Shakespeare, hm, ja, ja, doch, womöglich auch der. Ich würde noch Brecht hinzufügen, der lyrisch beschreibt, wie man Engel verführt, ihnen den Rock hochschiebt und die Beklommenheit wegfickt – Brecht veröffentlichte das Gedicht übrigens in großer Skandalfreude unter Thomas Manns Namen. Kunst als Guerillataktik. Und die Antike? Ach, fangen wir besser nicht damit an.

Ich suchte also nach der Zensur – und fand sie nicht. Das Gedicht von Gomringer, das Kulturschützer von rechts bis ins linksliberale Lager in einer Koalition eint, sollte ja bleiben – nunmehr auf einer kleinen Tafel an der Wand. Mag die Begründung des Allgemeinen Studentenausschusses gegen das Gedicht noch so bescheuert klingen: Wenn Studierende finden, es passe nicht als Aushängeschild zu ihrer Hochschule (und die Namensgeberin Alice Salomon war immerhin eine Feministin), dann ist es ihr gutes Recht, sich ein neues zu pinseln.

Auch das abgehängte Hylas-Gemälde in der Manchester Art Gallery, mit dem die Kuratorin "die viktorianische Fantasie" herausfordern wollte, ist mitnichten ein Beleg für Zensur, wie die Debatte in den deutschen Feuilletons nahelegt. Für die Kuratorin ging es letztlich um eine Frage: Wie können wir über Kunst so reden, dass es für das 21. Jahrhundert relevant ist?

Ich dachte, Kunst sucht die Diskussion, ach was: braucht sie, um mehr zu sein als vorzügliches Handwerk oder tote Deko an der Wand. Es gibt vielfältige Wege, die Debatte anzustoßen – der radikalste führt manchmal sogar über die Zerstörung.

Das Bild Suprematism 1922–1927 des russischen Künstlers Kasimir Malewitsch, der übrigens selbst im Verdacht stand, den Niedergang der Kunst einzuläuten, bevor er millionenschwerer Mainstream wurde, hat in den neunziger Jahren der russische Aktionskünstler Alexander Brener mit einem Dollarzeichen übermalt. Brener wollte damit gegen die schamlose Kommerzialisierung der Kunst protestieren und saß dafür ein paar Monate ein.

Oder der Brite Aaron Barschak, ein selbst ernannter Comedy-Terrorist, warf rote Farbe auf das Werk Die Vergewaltigung der Kreativität von Jake und Dinos Chapman. Vandalismus? Ich würde sagen: ja. Allerdings hatten die Chapmans für ihr verschandeltes Werk Originaldrucke von Goya mit Clownsnasen und Micky-Maus-Ohren beschmiert. So gesehen hatten sie selbst Vandalismus begangen, bevor sie Opfer eines Vandalen wurden. Die Neue Zürcher Zeitung, derzeit in großer Sorge vor der Agitation der "politisch korrekten Bilderstürmer", schrieb vor einigen Jahren über das Werk der Chapmans: Die Künstler erklärten den spanischen Maler neu und zeigten seine "beklemmende Aktualität" auf.

Die Manchester Art Gallery, wo das Bild von Hylas und den Nymphen hängt, wirkte gegen die Chapmans fast bieder-verstockt: Da wurde nichts überpinselt, zu Kleinholz gehackt oder entsorgt. Waterhouses Bild wurde nach einer Woche zurückgehängt. Die Besucher konnten ihre Meinung auf Zetteln äußern, die wiederum Teil einer Ausstellung der Künstlerin Sonia Boyce werden sollen.

Man kann das bescheuert finden oder überflüssig oder spießig oder angepasst oder erzieherisch oder gedankenarm oder vollkommen misslungen. Doch das Schwert zu führen gegen eine Zensur, wo keine ist – ich kann es mit meinem Blick aus Russland nicht anders finden als hysterisch. Ich weiß ja selbst nicht, was ich von der Aktion halten soll. Waterhouses Bild gefällt mir durchaus. Doch was die mehr als 700 Besucher auf ihren Zetteln zu sagen hatten, das interessiert mich schon.