Es war nach dem zweiten Gang. Südkoreas Staatspräsident Moon Jae In gab dem Bundespräsidenten am Tag vor der Eröffnung der Olympischen Winterspiele ein festliches Mittagessen. Da wandte sich Moons stellvertretender Nationaler Sicherheitsberater freundlich seinem deutschen Gesprächspartner zur Rechten zu. "Wenn der Norden auch nur einen Schuss abgibt, dann wird der Süden zweimal zurückschießen." Und dann? "Dann wird der Norden viermal schießen, und wir werden achtmal antworten."

Schöne Aussichten, dachte sich der Gast. Aber er wusste, dass der Südkoreaner ihn eigentlich beruhigen wollte. Wir sind nicht naiv, lautete seine Botschaft. Wir reden zwar mit den Nordkoreanern, aber wir gehen ihnen nicht auf den Leim. Die beiden Präsidenten plauderten angeregt miteinander, das Orchester spielte sanfte Weisen, es war eine heitere Tafelrunde im Blauen Haus, dem Präsidentensitz zu Seoul.

Zur selben Stunde rollten in Pjöngjang Interkontinentalraketen auf gewaltigen Tiefladern über den Kim-Il-Sung-Platz, Soldaten paradierten im Stechschritt an Machthaber Kim Jong Un vorbei. Zum 70. Gründungstag der Armee demonstrierte der Norden seine militärische Macht.

Da wusste die Staatsführung im Süden schon, dass dem martialischen Schauspiel am nächsten Tag eine nicht minder spektakuläre Charmeoffensive folgen würde. Kim Yo Jong, die jüngere Schwester des nordkoreanischen Diktators, reiste höchstpersönlich zur Eröffnung der Spiele an. In der Handtasche hatte sie einen Brief des Bruders mit der Einladung an Moon Jae In zu einem Gipfeltreffen in Pjöngjang.

Moon strahlte tagelang in alle Kameras. Er hatte die erhoffte "Friedensolympiade" bekommen, nach Monaten eskalierender Spannungen auf der koreanischen Halbinsel, in denen mancher schon die Apokalypse eines Atomkrieges heraufziehen sah.

"Nicht die Zeit für einen Dialog"

Missmutig dagegen trottete Mike Pence in Südkorea von Termin zu Termin. Rasch verließ der US-amerikanische Vizepräsident einen Empfang Moons, um nur ja nicht den Gästen aus Nordkorea die Hand geben zu müssen. Lieber traf er sich mit Flüchtlingen aus Nordkorea und besichtigte das Wrack der Korvette Cheonan, die Nordkoreas Marine im März 2010 versenkt hatte; 46 südkoreanische Seeleute fanden damals den Tod.

Der olympische Nord-Süd-Flirt missfiel dem Amerikaner ganz außerordentlich. Grimmig blickte auch Japans Premier Shinzo Abe in Seoul und in der Olympiastadt Pyeongchang drein. Wie die Regierung Trump, so verfolgt auch Abe eine Politik des "maximalen Drucks" und verkündet seit Monaten: "Dies ist nicht die Zeit für einen Dialog."

Druck hält auch Frank-Walter Steinmeier für unverzichtbar. Bei der notwendigen Verschärfung der politischen und wirtschaftlichen Sanktionen gegen Nordkorea stehe Deutschland an Japans Seite, versicherte er Abe in Tokio, der ersten Station seiner Asienreise. Aber zwischen Druck und Dialog sehe er keinen Widerspruch, sagte der Bundespräsident vor dem Foreign Correspondents' Club in der japanischen Hauptstadt. Das sei für ihn die Lehre aus den Verhandlungen über das Atomabkommen mit Iran.