Flüchtlinge abwehren und hoffen, dass der Krieg irgendwie aufhört. So lautet derzeit Europas Strategie im Umgang mit Syrien. Sie scheitert gerade krachend. In Syrien sind erneut Hunderttausende auf der Flucht, der Krieg dehnt sich aus. Die Lage sei so schlimm wie nie zuvor, sagen die UN und fordern verzweifelt eine Waffenruhe, um wenigstens einige Schwerverletzte aus Bombenkesseln bergen zu können. Die jüngste Eskalation spielte sich heute Morgen an der syrisch-israelischen Grenze ab und sie lief im Vergleich zum Kriegsgeschehen in anderen Gebieten zunächst glimpflich ab. 

Erstmals ist ein israelischer Kampfjet bei einem Angriff abgestürzt – nach israelischen Angaben  durch eine syrische Rakete. Die beiden Piloten konnten die Maschine zurück auf israelisches Territorium fliegen und sich per Schleudersitz retten. Israel war bislang die "unsichtbare" Interventionsmacht in diesem Krieg. Meldungen über Luftangriffe in Syrien tauchten immer wieder auf. Sie wurden von den israelischen Streitkräften (IDF) weder dementiert noch bestätigt und gerieten schnell in Vergessenheit. Doch in den vergangenen Monaten hat Israels Luftwaffe die Frequenz deutlich erhöht. Und damit auch die Risiken.

Ziele sind Stellungen der Verbündeten des Assad-Regimes: der iranischen Revolutionsgarden und der libanesischen Hisbollah, beide Erzfeinde Israels. Von einem dieser Stützpunkte soll heute in den frühen Morgenstunden eine unbesetzte iranische Drohne Kurs auf Israel genommen haben. Man werde solche Aggressionen nicht zulassen, wolle aber keine Eskalation, ließ ein Sprecher der IDF verlauten. Doch genau das passiert gerade.

Konflikt könnte sich auf Israel und den Libanon ausweiten

Im Zuge der militärischen Erfolge der Pro-Assad-Koalition gegen Rebellen aller Couleur sind Irans Revolutionsgarden immer näher an die von Israel besetzten Golanhöhen gerückt. Sie haben im Verlauf des Syrien-Krieges zudem die Hisbollah aufgerüstet. Diese dominiert ihre Heimat, Syriens kleinen Nachbarn Libanon, militärisch wie politisch. 2006 hatte sie sich mit den IDF einen Kurzkrieg im Südlibanon geliefert, der Dörfer und Städte in Trümmer legte.

Nun droht ein neuer Konflikt – und der bliebe wahrscheinlich nicht auf syrisches Territorium beschränkt. Er könnte sich auf den Libanon ausdehnen und auf Israel selbst. Denn die Hisbollah ist dank ihrer iranischen Raketen längst in der Lage, Haifa oder Tel Aviv anzugreifen.

Vor genau diesem Szenario hat diese Woche die Crisis Group, eine internationale Organisation zur Konfliktprävention, eindringlich gewarnt: Egal, ob und wie Assad seine jüngsten militärischen Erfolge umsetzen werde, "sie zeichnen schon jetzt die Geografie des nächsten Krieges zwischen Israel, Hisbollah und Iran". In anderen Gebieten Syriens weiten sich unterdessen humanitäre Katastrophen aus. Seit der Sieg über den "Islamischen Staat" verkündet worden ist, zerfällt die Koalition gegen den IS in alte und neue Fronten, treten andere strategische Interessen in den Vordergrund. Meist mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung.  

Der Angriff türkischer Truppen auf die kurdische Enklave Afrin im Nordwesten Syriens hält unvermindert an. Der türkische Präsident Erdoğan möchte erstens eine Pufferzone einrichten gegen die dominierende Fraktion der syrischen Kurden von der  "Partei der Demokratischen Union" (PYD). Die steht der türkisch-kurdischen PKK nahe, womit sie für Ankara unter die Kategorie "Terroristen" fällt.

Erdoğan möchte zweitens innenpolitisch mit diesem Feldzug punkten, was offenbar nicht gelingt. Die Milizen der PYD leisten erbitterten Widerstand gegen "Operation Olivenzweig", wie das türkische Militär diese Intervention getauft hat. Die unmittelbaren Folgen: Dutzende getötete Zivilisten, mindestens 15.000 Menschen auf der Flucht sowie ein frisch geschürter Hass zwischen Kurden und Arabern. Denn die Türkei, inzwischen Zahlmeister verschiedener Rebellengruppen in Syrien, hat auch Einheiten der Freien Syrischen Armee (FSA) angeheuert. Einst im Widerstand gegen die Assad-Diktatur entstanden, verdingt sie sich jetzt als Söldnertruppe Ankaras.