2025 – das ist die Jahreszahl, die man in diesen Tagen oft in Zusammenhang mit der EU hört. 2025 nämlich soll die Union wachsen. Serbien und Montenegro sollen dazustoßen. Später sollen die vier weiteren Westbalkanstaaten folgen: Bosnien und Herzegowina, Albanien, Mazedonien und das Kosovo. Darin besteht im Kern die Westbalkanstrategie der EU.

Sicher sind viele Europäer zusammengezuckt, als sie die Zahl 2025 gehört haben. Besonderen Schrecken dürfte die Jahreszahl in Deutschland verbreiten. Die EU will sich um die Balkanstaaten erweitern? Ausgerechnet jetzt, da man so viele Schwierigkeiten mit Ungarn und Polen hat? Jetzt, da sich viele fragen, ob es klug war, Bulgarien und Rumänien aufzunehmen? Erweitern? Es müsse sich um einen schlechten Scherz handeln.

Die EU will Handlungsfähigkeit zeigen

Die Erschrockenen können sich wieder beruhigen. 2025 ist ein Datum, an dem der Beitritt Serbiens und Montenegros möglich sein könnte. Es gibt keinen Automatismus. Das hat der zuständige Kommissar Johannes Hahn deutlich gemacht, ebenso sein Chef, Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. 2025 ist keine Garantie für diese Länder auf Mitgliedschaft. 

Es mag seltsam klingen, dass die Kommission ein Datum nennt und es gleich wieder relativiert. Doch es ist sinnvoll. Das Datum sendet eine klare Botschaft aus: Der EU ist es ernst mit einer Beitrittsperspektive für die Balkanstaaten. Diese Botschaft richtet sich in erster Linie an die Bürger dieser sechs Staaten, aber sie richtet sich auch gegen die geopolitischen Konkurrenten der EU in der Region: Russland, China und die Türkei. Der Balkan ist Teil Europas und er wird deshalb Teil der EU werden – nicht morgen und nicht übermorgen, aber in nicht allzu ferner Zukunft ganz gewiss. Die EU will zeigen, dass sie außenpolitisch handlungsfähig ist. "Auch der Brexit hat uns nicht lähmen können! Ihr müsst mit uns rechnen!" – das ist die implizite Aussage.

Wenig diplomatisch verpackt

Die Lektüre des Dokuments der Kommission zur Balkanstrategie ist nicht nur wegen ihres Inhalts erhellend, sondern auch wegen der verwendeten Sprache. Sie lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Die Lage der Balkanstaaten wird schonungslos beschrieben. Da ist die Rede von möglicherweise "gekidnappten Staaten", da werden die Grenzkonflikte benannt, und da steht unter anderem geschrieben, die "organisierte Kriminalität auf dem Balkan ist immer noch stark, ob beim Menschen-, Waffen- oder Drogenhandel, es gibt das Risiko einer Durchdringung des politischen und wirtschaftlichen Systems durch Kriminelle". Klarer geht es nicht. Und auch die Wege, wie all das überwunden werden kann und muss, sind deutlich beschrieben. Ohne Versprechen, außer diesem: Unsere Tür ist offen, aber ihre müsst die harte Arbeit machen. Da ist wenig diplomatisch verpackt.  

Diese Klarheit ist keine Formalie. Sie ist ein Zeichen für einen fundamentalen Wandel. Die EU pflegte traditionell eine sanfte, diplomatische Sprache. Das hatte gute Gründe. In einer Union von 28 Staaten ist verbale Kraftmeierei kontraproduktiv. Wer zusammenbleiben möchte, kann sich nicht dauerhaft beschimpfen, ohne den Bruch zu riskieren. Auch nach außen hin übte sich die EU in einer zivilisierten Sprechweise. Sie will durch Argumente überzeugen, nicht durch schiere Kraft. Alles das ist Schönwetterverhalten, doch das schöne Wetter ist vorbei. Die EU ist in ihrer Existenz bedroht, von innen wie von außen. Und sie reagiert. Man erkennt es auch an ihrer Sprache.