Es gibt eine Redensart, angeblich stammt sie aus Mexiko: "Sie wollten uns begraben. Aber sie wussten nicht, dass wir Samen waren." Sie gilt für viele, die wegen ihres Engagements – für die Umwelt, für Menschenrechte, für Indigene, Schwarze, Frauen, Arme – umgebracht wurden; die ermordet wurden, weil sie den Mächtigen lästig waren, aber dann, mit ihrem Tod, größeren Einfluss entfalteten als zuvor.

Offensichtlich war Marielle Franco so jemand. Bevor die linke Stadträtin und Menschenrechtsaktivistin am Abend des 14. April in Rio de Janeiro erschossen wurde, kannten sie außerhalb Brasiliens nicht viele, doch durch ihren gewaltsamen Tod wurde die Welt auf sie aufmerksam.

Überall im Land gingen Menschen auf die Straße, um gegen Francos Ermordung und die Gewalt im Land zu protestieren. Die Vereinten Nationen nannten das Verbrechen an ihr "zutiefst schockierend" und fordern Aufklärung, ebenso das EU-Parlament. In London, Berlin, Stockholm und weiteren Hauptstädten fanden Gedenkveranstaltungen statt; Menschenrechtsorganisationen aus aller Welt protestierten, und große internationale Medien wie die Washington Post, die spanische Zeitung El País und der britische Guardian berichteten ausführlich.

Ermordet, ohne dass es jemanden schert

Marielle Franco steht stellvertretend für viele. Es gibt immer wieder solche aufsehenerregenden Mordfälle, auf die die Redensart mit dem Samen zutrifft. Als zum Beispiel die Umweltschützerin Berta Cáceres in Honduras erschossen wurde, gab es weltweit Proteste und Solidaritätsbekundungen unter dem Slogan ¡Berta Vive! (Berta lebt!), und Cáceres' Familie und Freunde führen ihre Arbeit nun weiter. Auch in Brasilien lautete der Slogan der Protestierenden: Marielle lebt!

Die meisten Aktivisten aber sterben, ohne dass jemand außerhalb ihres Wirkungskreises davon Notiz nimmt. So wie die Indigenen auf den Philippinen, die gegen den Bergbau auf ihrem Land protestierten und, so sagt es die UN-Sonderberichterstatterin Victoria Tauli-Corpuz, deshalb umgebracht wurden; wie Wayne Lotter, der in Tansania gegen den Handel mit Elfenbein kämpfte; oder wie Luz Yeni Montaño, die ihre Nachbarn im kolumbianischen Tumaco organisierte und über deren Fall kaum berichtet wurde.

Die Organisation Global Witness zählt die Toten, die wegen ihres Engagements für die Umwelt oder für Landrechte getötet wurden; die Organisation Front Line Defenders nimmt auch getötete Bürgerrechtler wie Marielle Franco und Kritiker repressiver Regime in ihre Statistik auf. Im vergangenen Jahr registrierte Global Witness 197 Morde, in diesem Jahr waren es bislang acht. Front Line Defenders zufolge starben im vergangenen Jahr 312 Umweltschützer und Menschenrechtler wegen ihrer Tätigkeit. Besonders viele Morde gibt es in Brasilien, auf den Philippinen, in Mexiko und Kolumbien – da sind sich beide Organisationen einig.

Gefahr für Frauen ist größer

Frauen, die sich engagieren, leben besonders gefährlich. Laut der Frauenrechtsorganisation Awid werden sie besonders in Ländern, in denen die Geschlechterrollen traditionell definiert sind, "zum Ziel, weil man denkt, dass sie soziale Normen brechen".

Marielle Franco brach die Norm. Als schwarze, lesbische Frau aus einer Favela ging die 38-Jährige durch ihre Arbeit ein größeres Risiko ein als andere. Doch sie schien das nicht zu kümmern. "Eine schwarze Frau zu sein, heißt, die ganze Zeit Widerstand zu üben und zu überleben", sagte sie in einem Interview kurz vor ihrem Tod. "Wir sind exponiert, uns wird täglich Gewalt angetan."

Sie hörte dennoch nicht auf, die Verhältnisse anzuprangern, und sie schien das mit großer Freude zu tun. Sie kämpfte gegen Polizei- und Militärgewalt in den Favelas, für die Rechte von schwarzen Frauen und anderen benachteiligten Gruppen.

Franco stammte aus dem Armenviertel Maré, und im Gegensatz zu vielen anderen gelang ihr der Aufstieg. Als Rios Stadtrat im Jahr 2016 gewählt wurde, erreichte sie das fünftbeste Ergebnis. Sie war die einzige schwarze Frau im Rat. Ihre Magisterarbeit in Soziologie hatte sie über die sogenannte Befriedung der Favelas von Rio durch die Polizei geschrieben, als Politikerin kritisierte sie die Gewalt durch die Militärpolizei immer wieder, obwohl sie wusste, dass das riskant war.