Auf dem Parkplatz des Alkoholgeschäfts ist am frühen Abend kaum eine Lücke mehr frei, der Laden im Westen Chicagos wirbt auf Pappschildern im Fenster mit günstigem Schnaps und noch billigerem Bier. Die grellen Leuchtstoffröhren im Inneren werfen ein schwaches Licht auf die parkenden Autos. Die meisten sind verbeult, manchen fehlt eine Stoßstange, sie passen auf den unebenen Parkplatz, dessen Asphalt an vielen Stellen aufgebrochen ist. Die Kunden eilen mit Sixpack und Flaschen in braunen Tüten zu ihren Autos und verschwinden in den im Dunkeln liegenden Nebenstraßen.

Breyonna ist überrascht, dass das Geschäft überhaupt noch geöffnet ist. Sie kommt hier immer vorbei, wenn sie zu ihrer Schwiegermutter fährt. "Ich dachte, sie hätten es geschlossen, weil an dieser Ecke die ganzen Schießereien sind." Die 21-Jährige sagt es so beiläufig, als habe sie vergessen, Milch zu kaufen. Sie kennt es nicht anders. Innerhalb von zwei Jahren wurde erst ihr Bruder erschossen, dann der Vater ihrer zwei Kinder.

Auf der Rückbank des Autos von Sozialarbeiter Jim Fogarty, der die Familie seit Jahren kennt, könnte man Breyonna fast übersehen. Die dunklen Haare lang und glatt, die Fingernägel unlackiert, die Winterjacke in gedeckter Farbe. Der zweijährige Marquese Junior sitzt zwischen seiner Mutter und seiner vierjährigen Schwester London und weint; er hat keine Lust, Auto zu fahren. Aber mit der U-Bahn wäre es abends nicht sicher. Also hilft Jim Fogarty, dass Breyonna mit ihren Kindern ihre Schwiegermutter Tracy besuchen kann. Marquese Junior kennt nur seine Oma, an seinen Vater wird er sich nie erinnern. Marquese Fleming wurde im September 2016 vor einem Schnellrestaurant auf der Straße erschossen. Er war 20 Jahre alt und sein Sohn erst wenige Monate auf der Welt.

Chicago, Illinois

Das Viertel Austin liegt weit im Westen Chicagos, die Silhouetten der Hochhäuser in Downtown lassen sich im Rückspiegel erahnen, doch sie sind so wenig greifbar wie das angenehme Leben dort. Breyonna arbeitet tagsüber in einem Café im Zentrum und verkauft teuren Kaffee, den sie sich selbst nicht leisten könnte. Nach Feierabend findet ihr Alltag in einer von der Stadt finanzierten Wohnung, nicht weit vom Zentrum entfernt, statt, die sie sich mit ihrer Mutter und Großmutter teilt. Und in Austin in der West Side der Stadt, wo ihr Freund gelebt hat und dessen Familie immer noch wohnt. Trotz der Schießereien, trotz der Toten.

Hier in Austin leben fast nur Afroamerikaner, die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele Familien sind auf Lebensmittelmarken und Sozialhilfe angewiesen. Wer schnell an Geld kommen will, verkauft Drogen für die Gangs. Sobald es dämmert, beleben sich die Straßen. Dann werden Geschäfte gemacht, dann stehen sich verfeindete Gangs und kleinere, weniger hierarchisch organisierte Cliquen an Straßenecken gegenüber.

Gangproblem, Gewaltproblem, Waffenproblem

Die Stadt hat ein Gangproblem, ein Gewaltproblem und ein Waffenproblem. Drei Millionen Menschen leben in Chicago, in der Stadt im Mittleren Westen der USA werden im Jahr mehr Menschen getötet als in New York oder Los Angeles. 711 Menschen wurden 2016 erschossen, 650 im vergangenen Jahr. US-Präsident Donald Trump drohte, er werde die Souveränität der Stadt übergehen und Bundestruppen in die Stadt schicken, um "das furchtbare Blutbad" zu beenden. Sie kamen nicht.

Aber Bürgermeister Rahm Emanuel, einst Barack Obamas Stabschef im Weißen Haus, stellte mehr Polizisten ein und richtete in besonders von Gewalt betroffenen Vierteln sogenannte Strategic Decision Support Centers ein, Strategiezentren innerhalb der Polizeidirektion. Die Idee: mithilfe von Überwachung, Datenanalysen und Polizeiermittlungen Informationen zu bündeln und so schneller auf Gewalt reagieren zu können. Austin war eines der ersten Viertel, das ein solches Strategiezentrum bekam.