Der erste Besucher aus Berlin reiste nach Paris, "um die ausgestreckte Hand von Emmanuel Macron mit seinen Vorschlägen zur Erneuerung Europas endlich auch zu ergreifen". Der zweite sagte: "Wir haben uns sehr gefreut über die Vorschläge des französischen Präsidenten." Die dritte schließlich, eine Frau, wurde von ebenjenem Staatschef vor dem Élysée-Palast herzlichst mit Küsschen links und Küsschen rechts auf die Wangen begrüßt und versicherte, ein gemeinsames Vorgehen sei "notwendiger denn je".

Die Antrittsbesuche in Frankreich von Außenminister Heiko Maas, Finanzminister Olaf Scholz und Bundeskanzlerin Angela Merkel erweckten vor wenigen Tagen den Eindruck, dass das oft beschworene deutsch-französische Bündnis nach dem langen Warten auf die Regierungsbildung in Berlin endlich wieder liefert. Dass es nun vorangehen soll mit der Reform der Europäischen Union, für die Macron mit nur mühsam unterdrückter Ungeduld seit September auf seinen Partner jenseits des Rheins wartete. Doch zumindest vom morgen beginnenden EU-Gipfel sollte sich niemand zu viel erhoffen.

Der Reiz des Neuen ist verflogen, den der Franzose vor sechs Monaten in seiner Europarede an der Universität Sorbonne versprühte. Der neue Schwung, den seine international bejubelte Wahl zum französischen Staatschef versprach, ist der Zurückhaltung vieler Skeptiker gewichen. In Berlin stellt man durchaus mit Erleichterung fest, dass die Gegner eines Budgets und eines Finanzministers für die Eurozone inzwischen zahlreich genug sind, um diese ungeliebten Themen lange herauszuschieben und so einzuschläfern.

"Niemand wird dieses Tandem ersetzen", sagte Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire während des Treffens mit Scholz über die deutsch-französische Antriebskraft. Eine knappe Woche war es da noch hin bis zum Gipfel. Le Maire klang wie ein Hilferufender. Denn anders als ursprünglich geplant, wird es in Brüssel keinen deutsch-französischen Vorschlag zur Reform der EU geben. Bis Juni soll stattdessen nun eine gemeinsame "Roadmap" stehen. Aber genau die Autorität, mit der die Regierungen in Berlin und Paris in der Vergangenheit oft für ganz Europa sprachen, wird von den anderen Partnern zunehmend infrage gestellt. 

"Wir nicken nicht einfach alles ab"

"Wir nicken nicht einfach alles ab", warnte zum Beispiel der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte im Spiegel. Ausgesprochen süffisant ließ er die deutsch-französische Fahrgemeinschaft wissen: "Wir haben Reisefreiheit in der EU, und natürlich kann sich die neue Bundesregierung jederzeit mit der französischen Regierung treffen, ohne dass wir dabei sind." Das bedeute aber noch lange nicht, dass die Niederlande und die übrigen EU-Staaten alles gut fänden, was Deutsche und Franzosen vereinbarten.

Nur wenige Tage zuvor hatten der niederländische Finanzminister und sieben Kollegen aus nordischen Ländern das noch anhaltende Machtvakuum in Berlin dazu genutzt, ihren Missmut über die ambitionierten Ziele zu äußern: "Eine weitere Vertiefung der Währungsunion sollte sich auf das konzentrieren, was sinnvoll ist und nicht auf die Übertragung weitreichender Kompetenzen auf die europäische Ebene."

Zusammen mit der Opposition der osteuropäischen Länder, die ein Europa der zwei Geschwindigkeiten fürchten, findet sich Macron mit seinen Plänen unversehens vor einer nicht zu unterschätzenden Front der Ablehnung wieder. "Macron hat aus Mangel an Alternativen an Einfluss gewonnen", urteilt Sébastien Maillard, Direktor des nach dem ehemaligen EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors benannten Thinktanks in Paris. "Wenn er keine soliden Mitstreiter findet, wird es für ihn schwierig sein, diese Position aufrechtzuerhalten. Seine Überzeugungskraft muss er erst noch beweisen."