Es vergeht gerade kaum noch ein Tag, an dem nicht dazu aufgerufen wird, endlich "Emmanuel Macrons ausgestreckte Hand" zu ergreifen. Seit Frankreichs Präsident Ende vergangenen Jahres enthusiastisch zur "Neugründung Europas" aufrief, appellieren Europabegeisterte regelmäßig an die Politik, angesichts der Probleme des Kontinents doch Einzelinteressen hintanzustellen und die europäische Integration nun in einem Kraftakt zu vervollständigen.

Auch über den Weg dorthin herrscht visionäres Einvernehmen: Unter Rückgriff auf die Römischen Verträge hoffen die Anhänger einer Europäischen Republik auf einen immer engeren Zusammenschluss der Völker Europas – durch Überwindung der Nationalstaaten und Errichtung einer übernationalen europäischen Demokratie. Hierfür müsste nicht nur die Rolle des Europäischen Parlaments gestärkt werden, sondern auch der Europäische Rat geschwächt. Die EU-Kommission müsste die Funktion einer wirklichen Regierung übernehmen, die allein dem Parlament rechenschaftspflichtig wäre – und nach Möglichkeit direkt gewählt wird.

Angesichts der verfahrenen Krisenlage wirken solche Visionen zunächst durchaus bestechend. Ist es nicht tatsächlich Zeit für einen großen Wurf, bei dem Europa endlich Nägel mit Köpfen macht?

Doch die Frage ist, wessen Nägel und wessen Köpfe hier gemeint sind. Denn die Befürworter einer solchen europäischen Demokratisierung im Hauruckverfahren übersehen den politischen Sprengstoff, den eine solche Politik birgt. So paradox es klingt: In der derzeitigen Situation dürfte mehr Demokratie auf europäischer Ebene die Krise nicht überwinden, sondern in eine völlig neue Dimension katapultieren.

Mehr Integration – mehr Fliehkräfte

Sicher, aus Berliner Perspektive mag eine Stärkung europäischer Handlungsfähigkeit durch Ausweitung von Mehrheitsentscheidungen sinnvoll erscheinen. Schließlich liefe die Bundesregierung nicht Gefahr, überstimmt zu werden. Oder etwa doch? Wie verhielte sich Berlin im Fall einer südeuropäischen Mehrheit für die Einführung von Eurobonds? Würde sich Deutschland der Majorität klaglos unterordnen?

Europe First ist ein schöner Slogan in Zeiten von Trump. Doch man muss fragen, von wessen Europa hier die Rede ist. Das des Berliner Kanzleramts? Oder dasjenige Athens, Lissabons oder Warschaus? Die ungeschminkte Wahrheit lautet: Die "Hand Macrons zu ergreifen" klingt verlockend. Doch über das, was damit erreicht werden soll, besteht kein Konsens. In der Politik existiert kein archimedischer Punkt, und wenn es ihn gäbe, so läge er weder in Brüssel noch in Paris oder Berlin. Nicht zuletzt das ist der Grund, weshalb die Berliner Politik derzeit mit einer reichlich idealisierten Wahrnehmung Macrons deutlich glücklicher zu sein scheint als mit Macrons konkreten Ideen.

Dass die Fliehkräfte Europas in genau dem Maße zunehmen dürften, wie die Integration des Kontinents durch Mehrheitsentscheidungen vorangetrieben wird, zeigt nicht zuletzt der internationale Vergleich. Nicht von ungefähr achten heterogene Demokratien wie etwa die Schweiz oder Kanada bewusst darauf, ihre Zentralregierungen nicht mit zu vielen Kompetenzen auszustatten. Sie wissen, dass die Konsequenz einer durchregierenden Mehrheit eine permanent marginalisierte Minderheit wäre. An dieser Klugheit sollte sich die EU ein Beispiel nehmen.

Ist also weniger Europa die Alternative? Nein – doch anstatt auf mehr Europa im Gleichschritt zu setzen, sollten gerade progressive Kräfte ihren Frieden mit einem vielfältigen Kontinent schließen. Die Zukunft gehört Europa, ja. Aber einem Europa, in dem die Mitgliedstaaten flexibel aus möglichen Integrationsoptionen auswählen können.