Die britische Regierung hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich für das Attentat auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal verantwortlich gemacht. Die Entscheidung für die Tat sei "überwältigend wahrscheinlich" von Putin selbst getroffen worden, sagte der britische Außenminister Boris Johnson. Der Zorn Londons richte sich gegen den Kreml, nicht gegen das russische Volk.

Kremlsprecher Dmitri Peskow wies die Vorwürfe umgehend und vehement zurück. "Jeder Verweis oder eine Erwähnung unseres Präsidenten in diesem Zusammenhang ist nichts anderes als eine schockierende und unverzeihliche Verletzung der diplomatischen Anstandsregeln", sagte er laut der russischen Nachrichtenagentur Tass: "Wir haben bereits auf verschiedenen Ebenen mehrfach erwähnt, dass wir nichts mit dieser Geschichte zu tun haben." 

Skripal und seine Tochter waren am 4. März bewusstlos auf einer Bank vor einem Einkaufszentrum in Salisbury aufgefunden worden. Sie befinden sich seitdem in kritischem Zustand in einem Krankenhaus. Premierministerin Theresa May hatte am Donnerstag Salisbury besucht, um mit Polizei, Rettungskräften und Anwohnern zu sprechen und sich über den Gesundheitszustand der Opfer zu informieren. Eine offizielle Stellungnahme dazu, wie es den beiden geht, gab sie aber nicht ab.

Den Behörden zufolge wurden sie mit einem Mittel aus der Gruppe der Nowitschok-Nervengifte vergiftet, die das sowjetische Militär in den 1970er und 1980er Jahren entwickelt hatte. Auch ein Polizist, der den Fall untersuchte, wurde vergiftet. Großbritannien und seine westlichen Verbündeten USA, Frankreich und Deutschland sehen Russland hinter dem Anschlag; weitere Regierungen haben sich angeschlossen.

Der Chef der oppositionellen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, warnte vor einer vorschnellen Verurteilung Moskaus. Auch mafiaähnliche Banden in Russland könnten für die Tat verantwortlich sein, sagte er in Interviews. Ein "neuer Kalter Krieg" müsse verhindert werden. Für seine Äußerungen wurde Corbyn auch in der eigenen Partei kritisiert.

Russland will auf Sanktionen reagieren

Großbritannien hat als Reaktion auf den Anschlag die Ausweisung von 23 russischen Diplomaten angekündigt. Russland hat bekräftigt, dafür Vergeltungsmaßnahmen ergreifen zu wollen. "Selbstverständlich" werde Russland britische Diplomaten ausweisen, sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow im kasachischen Astana. Er machte noch keine Angaben darüber, wann das geschehen solle und wie viele Diplomaten es beträfe. Ein Sprecher des russischen Präsidialamts hatte am Vormittag gesagt, die russische Reaktion könne jeden Moment bekannt gegeben werden. Der russische Botschafter in Großbritannien, Alexander Jakowenko, kündigte zudem an, sein Land werde "maximalen Druck" auf die britische Regierung ausüben.

Russland setzt nach Lawrows Worten auch auf eine Aussage des Opfers Skripal. "Warum fragen wir nicht einfach den Betroffenen selbst, wenn es ihm hoffentlich besser geht?", sagte er: "Wahrscheinlich kann er am ehesten Aufschluss über vieles geben, was an jenem Tag passiert ist, als die Tragödie geschah." Der Kreml hatte zuvor die Rhetorik des britischen Verteidigungsministers Gavin Williamson als rüpelhaft kritisiert. Der hatte am Donnerstag in Großbritannien gesagt: "Russland soll weggehen und die Klappe halten." Der russische Botschafter Jakowenko sprach am Freitag von einer "Antirussenkampagne".