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Die unabhängige syrische Organisation Women Now for Development, die drei Frauenzentren in Ostghuta betreibt, gab vergangene Woche eine Pressemitteilung heraus. Die Überschrift lautete: "Internationaler Frauentag unter Belagerung, Chlorgas und Napalm".

"Selbst aus den finsteren Kellern und Bunkern erreichen uns täglich Nachrichten, die uns über die Lage informieren und die Kraft und Stärke der Frauen zeigen", heißt es dort. Und: "Wir veröffentlichen diese Berichte und bieten den Frauen eine Plattform, um ihre Ängste, Gedanken und Hoffnungen zu teilen."

Während männliche Fotografen und Kameraleute die Bilder des Leidens in Ostghuta einfangen, erzählen die Frauen die Geschichten dahinter.

Mit der Eskalation der Gewalt in Ostghuta haben sich die Social-Media-Accounts von Women Now und vielen anderen syrischen NGOs in Nachrichtenportale verwandelt. Und die Hauptlieferanten der dort veröffentlichten Meldungen sind Frauen. "An diesem Tag, da wir die Leistungen von Frauen feiern", schließt die Pressemeldung, "dürfen wir jene nicht vergessen, die in die Finsternis gezwungen wurden."

Zaina Erhaim ist eine Journalistin aus Idlib, Syrien. Derzeit lebt sie in London. 2015 wurde sie von Reporter ohne Grenzen als Journalistin des Jahres ausgezeichnet, 2016 von der Zeitschrift "Arabian Business" zu einer der 100 mächtigsten arabischen Frauen gekürt. Erhaim arbeitet seit vier Jahren für das Institute for War and Peace Reporting und hat mehr als 100 syrischen Bürgerjournalisten ausgebildet. In einer Kurzfilmreihe namens "Syria's Rebellious Women" hat Erhaim die Schwierigkeiten dokumentiert, mit denen Frauen in Rebellengebieten konfrontiert sind. Außerdem hat sie den Film "Syria Diaries" gedreht, der den Krieg mit den Augen der Frauen zeigt. © privat

Mitte Februar begann das syrische Regime unter Präsident Baschar al-Assad gemeinsam mit seinen russischen Verbündeten eine brutale Offensive, um Ostghuta zurückzuerobern, bei der bislang mehr als 1.000 Menschen starben. Ostghuta liegt zehn Kilometer vor Damaskus und ist eines der letzten Gebiete in Rebellenhand. Beinahe fünf Jahre lang stand es unter Belagerung durch das Regime. Die Lage der fast 400.000 Menschen, die noch in Ostghuta eingeschlossen sind, verschlechtert sich täglich durch die andauernden Bombardements und den Mangel an Nahrung, Trinkwasser und Medizin. Viele Frauen und Kinder sitzen in unterirdischen Schutzräumen fest, ohne Sonnenlicht und die allerwichtigsten Dinge. Doch trotz des Elends sorgen die Frauen von Ostghuta für ihre eigenen und für andere Kinder – und teilen die Gräuel, die sie und ihre Nachbarn erleben, über soziale Medien mit der Welt. 

Eine dieser Frauen ist Nivin Hotary, eine Aktivistin, die auf Facebook ein öffentliches Tagebuch führt, aus einem unterirdischen Behelfsbunker heraus, den sie "das Gefängnis" nennt. Am 8. März, oder nach ihrer Zeitrechnung "Tag 18 im Keller", schrieb sie: "Meine Grüße gehen an alle Frauen der Welt am Internationalen Frauentag, mein Beileid gilt unseren Frauen für solch eine schändliche Welt."

Noch vor ein paar Monaten kannten die wenigsten Syrer ihren Namen. Jetzt sind ihre Posts und Berichte in sämtlichen Newsfeeds präsent, auch internationale Medien zitieren sie regelmäßig.

Faten Abu Fares, 54, ist ebenfalls Aktivistin in Ostghuta. Am selben Tag, an dem Nivin ihre Nachricht zum Frauentag postete, wurde sie durch einen Bombensplitter verletzt. Faten hat einen Bachelor in Englischer Literaturwissenschaft von der Universität Damaskus, aber seit vier Jahren betreibt sie eine Art öffentliche Küche im Viertel Harasta. Dort kocht sie, leitet den Betrieb, kauft Vorräte ein und fährt mit einem Pritschenwagen umher, um Bedürftigen Hilfe zu bringen.

Selbst jetzt, wo sich die meisten Menschen in Ostghuta in Kellern und Schutzräumen verstecken, wissen alle, dass Faten für sie kocht und ihr Leben riskiert, um Notleidende mit Essen zu versorgen. Selbst nach ihrer Verletzung stand Faten trotz der Wundverbände am nächsten Tag wieder in ihrer Küche.