Der erwartbare Teil des russischen Politikspiels ist fürs Erste zu Ende, jetzt beginnt der weniger vorhersagbare Teil. Präsident Wladimir Putin ist für sechs weitere Jahre im Amt bestätigt worden, aber die wichtigste Entscheidung über das Präsidialamt steht noch bevor: Wird es Putins letzte Amtszeit? Was geschieht 2024? Nach der jetzigen Verfassung wird er nicht erneut kandidieren dürfen. Putin muss sich also bald überlegen, wie es mit der Macht in Russland und mit ihm weitergehen soll.

Er könnte, wie aktuelle Herrscher in China oder Kasachstan, die Verfassung ändern und anschließend weiter an der Macht bleiben. Er könnte, wie bereits 2008, Premierminister Dmitri Medwedew oder einen anderen Platzhalter Präsident werden lassen – und trotzdem de facto der mächtigste Mann im Land bleiben. Theoretisch könnte er auch versuchen, einen Nachfolger zu bestimmen. Der engste Kreis um Putin, hochrangige Beamte, Generäle und Großunternehmer – sie alle warten ungeduldig auf eine solche Entscheidung, denn davon hängen auch ihre Zukunft, ihre Sicherheit und ihr Vermögen ab. Auf jeden Fall werden alle um ihn herum danach trachten, für jedes denkbare Szenario nach 2024 ihre Privilegien zu sichern.

Wer in Russland den Aufstieg geschafft hat, der hat gelernt, in einem komplizierten System von informellen Absprachen zu navigieren. Um zu überleben, müssen Mitglieder der Elite im heutigen Russland ein feines Gefühl dafür haben, wo die Grenzen ihrer Macht liegen – und wann sie vorauseilenden Gehorsam üben müssen. So hoffen Parlamentsabgeordnete, die repressive Gesetze in die Duma einbringen, unter anderem darauf, dass das ihrer Karriere helfen wird.

Russland - Präsident Putin sichert sich vierte Amtszeit Der russische Präsident Wladimir Putin bleibt nach einem klaren Wahlsieg weitere sechs Jahre im Amt. Er erhielt laut der Wahlkommission gut 76 Prozent der Stimmen. Die Opposition beklagte Unregelmäßigkeiten. © Foto: Alexander Zemlianichenko/POOL/Reuters

Wer deutet den Präsidenten richtig?

Die Spielregeln in diesem System ändern sich allerdings: Es reicht nicht mehr, zur Regierung zu gehören, um unantastbar zu sein. In letzter Zeit wurden mehrere Gouverneure und der ehemalige Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew zu langen Haftstrafen verurteilt. In einer Zeit, in der sich niemand wirklich sicher sein kann, wird die Loyalität zum Präsidenten und die Fähigkeit, seine Erwartungen jeweils richtig zu deuten, immer wichtiger und schwieriger.

In den vergangenen 18 Jahren hat Putin in Russland ein politisches System errichtet, in dessen alles bestimmendem Zentrum er selbst steht. Dass er jetzt im Amt bestätigt wurde, bedeutet nicht, dass alle Russen, die für ihn gestimmt haben, mit der jetzigen Lage auch zufrieden sind. Aber das von Putin erschaffene System lebt auch deshalb so gut, weil es suggeriert, dass es keine Alternative zu ihm geben darf.

Das führt paradoxerweise dazu, dass nun selbst diejenigen, die grundsätzliche Veränderungen wollen, darauf hoffen, dass ausgerechnet Putin sie umsetzt. Eine Studie des unabhängigen Lewada-Zentrums zeigte jüngst, dass auf der Liste von Politikern, die laut der Befragten dazu geeignet seien, Reformen vorzuschlagen, Putin den ersten Platz belegt.