Bilder, die aus Syrien nach draußen gelangen, haben in der Regel zwei Effekte: Sie verstören und machen wütend. Die Kinder mit blutüberströmten Gesichtern und ausdruckslosen Augen. Die Männer, die Babyleichen aus dem Geröll ziehen. Die Verwundeten, die abgemagert und mit abgebundenen Gliedmaßen in zerfallenden Krankenstationen ausharren.

Doch es gibt auch andere Bilder, die sprachlos machen, Bilder von der anderen Seite der Front. Sie zeigen Menschen, die auf die brutale Zersetzung des eigenen Landes stolz sind. Die Aufnahmen des syrischen Staatsfernsehens vom Wochenende, die sich rasend schnell in den sozialen Netzwerken verbreiteten, könnten zynischer nicht sein. Sie bezeugen, wie sicher sich ein Regime fühlen kann, das seit sieben Jahren Kriegsverbrechen an der eigenen Bevölkerung begeht. Und sie offenbaren die totale Ohnmacht der Weltgemeinschaft. Doch verändern werden auch sie leider nichts.

Die Aufnahmen zeigen Syriens Präsidenten Baschar al-Assad auf Frontbesuch in Ostghuta. Als Assad aus dem Wagen steigt, empfängt ihn eine jubelnde Menge. "Baschar, Baschar", rufen sie. Im Anzug und blauen Hemd steht Syriens Präsident umringt von Soldaten seiner Armee, schüttelt Hände, lächelt in Handykameras, klopft auf Schultern. Er gratuliert seinen Soldaten zum erfolgreichen Vormarsch. "Mabrouk", ruft er, Glückwunsch. "Die Menschen von Damaskus danken euch allen, dass ihr die Stadt beschützt, und wir werden das für Jahre, ja, für Generationen in Erinnerung behalten", ruft Assad den Soldaten zu. Und fügt hinzu: "Dieser Kampf ist größer als Syrien. Ihr kämpft diesen Kampf für die ganze Welt. Mit jedem Terroristen, den ihr umgebracht habt, verändert ihr das Gleichgewicht der Welt."

Syrien - Assad fährt nach Ostghuta Der syrische Staatspräsident hat sich bei einer Reise ins Kampfgebiet in Ostghuta filmen lassen. Das Staatsfernsehen strahlte die Aufnahmen aus. © Foto: Reuters TV

Nun weiß die ganze Welt mittlerweile, wer für Assad die Terroristen sind, nämlich prinzipiell jeder, der gegen ihn ist. In diesem Falle sind das nicht nur die Islamisten, die Ostghuta, einen Vorortgürtel von Damaskus, seit 2013 kontrollieren. Sondern auch die knapp 400.000 Zivilisten, die in der Provinz seit vielen Jahren vom Regime eingeschlossen sind – und die Assad als Verräter sieht, die es ausnahmslos auszulöschen gilt.

Im Februar begann das syrische Regime mit russischer Unterstützung eine Offensive, um die Enklave wieder unter seine Kontrolle zu bekommen. Dafür geht es zum Äußersten: Ostghuta wird nicht zurückerobert, sondern ausradiert. Das Regime lässt gezielt Wohn- und Krankenhäuser, Schulen, Bäckereien, Lazarette bombardieren, an manchen Tagen schlagen bis zu 200 Raketen ein. Mehr als 1.200 Menschen wurden in den vergangenen Wochen getötet. Die Eingeschlossenen verstecken sich in provisorischen Schutzbunkern unter der Erde, sie haben kaum noch Essen, Wasser und Medikamente. Und Assad ist noch nicht fertig mit ihnen, für ihn hat der Endkampf erst begonnen. Wenn er die beiden letzten Rebellengebiete, Ostghuta und Idlib im Norden des Landes, zurückerobert hat, sieht er sich seinem Ziel, wieder ganz Syrien zu beherrschen, sehr nahe gekommen.

Die Evakuierung ist eine Vertreibung

Wie genau das aussehen soll, zeigt das Regime der Welt in diesen Tagen in aller Deutlichkeit. Seit einigen Tagen fliehen Zehntausende aus Ostghuta vor dem Dauerbeschuss der russischen Jets. Über sogenannte Fluchtkorridore des Regimes hasten die Menschen mit den wenigen Dingen, die sie in der Eile mitnehmen konnten, in das Umland von Damaskus. Sie sind so verzweifelt, den Bomben zu entkommen, dass sie dafür die Angst vor dem, was sie erwartet, ertragen. Denn die Evakuierung von Ostghuta ist mitnichten die groß angelegte Schutzmaßnahme für die Zivilbevölkerung, als die sie die syrische und die russische Regierung anpreisen. Im Gegenteil: Die Checkpoints werden allein vom Regime kontrolliert, internationale Beobachter sind nicht vor Ort. Es mehren sich Berichte, wonach das Regime bereits Hunderte Menschen festgenommen hat, es gibt Hinweise auf Massenexekutionen. Gleichzeitig geht die Bombardierung der noch verbliebenen Menschen in Ostghuta weiter.

Assad lässt das Leid von Menschen, die er nicht als Syrer ansieht, weil sie ihn nicht unterstützen, bekanntlich unbeeindruckt. Seine Truppen haben inzwischen den Großteil der Provinz erobert und das restliche Gebiet in drei Teile gespalten. Was sich dort abspielen wird, haben viele Beobachter erwartet: Die Menschen werden durch den anhaltenden Bomben- und Raketenbeschuss und die vorrückende Armee aus Ostghuta vertrieben. Viele von denen, die in die Regimegebiete gelangen, erwarten Racheakte des Regimes: Verhaftung, Folter, Zwangsrekrutierung für den Armeedienst. Die anderen, die in die noch von Rebellen gehaltene Provinz Idlib flüchten, werden erneut um ihr Leben fürchten müssen: Auch Idlib wird von Assad und den Russen bombardiert, auch dort treffen die Bomben vor allem Märkte, Krankenstationen und Wohnhäuser.