Mitten im Wolgograder Gebiet liegt das Örtchen Jelan. Wie überall in Russland wird hier der neue, alte russische Präsident gewählt. Die Bewohner wissen, dass ihre Stimme nichts ändern wird. Dennoch gehen sie ins Wahllokal, denn sie fürchten, dass ihre miserable Existenz sonst noch miserabler wird. So ist es an vielen Orten in der russischen Provinz.

Unsere Autorin ist in Jelan aufgewachsen und zur Schule gegangen. Sie lebt derzeit in Deutschland und ist für diese Reportage in jene typisch russische Kleinstadt gereist, die sie ihre Heimat nennt.

Anna Sobolewa* geht ins Wahllokal. Weil sie muss. Nein, sie ist weder für Wladimir Putin noch für einen der sieben anderen Kandidaten. Aber die 29-Jährige arbeitet bei der Rentenversicherung. Und wer für den Staat arbeitet, muss wählen gehen – sonst drohen Prämienkürzungen oder andere Sanktionen. Ihre Tante, die in einem staatlichen Kindergarten arbeitet, musste eine Liste all ihrer Verwandten und Familienmitglieder erstellen und versichern, dass diese auch wirklich zur Wahl kommen werden.

Diesen Zwang stellt Sobolewa nicht infrage, sie ärgert sich auch nicht darüber, eher freut sie sich. Endlich was los!

Jelan im Wolgograder Gebiet

Sobolewa läuft über einen in den Schnee getrampelten Pfad durch die sogenannte Fußgängerzone von Jelan. Das Leben ist hier nicht besonders spannend. Tagsüber arbeitet sie, abends schaut sie Serien und surft im Internet, sagt Sobolewa. Sie bleibt vor einem tiefen Schlagloch stehen und ruft: "Fast hätte ich mir ein Bein gebrochen!" Sobolewa lächelt mit ihren grauen Augen und ihren langen Wimpern. Das schöne Lächeln, das nie aus ihrem Gesicht weicht.

Erst seit 2012 arbeitet Sobolewa bei der Rentenversicherung, die letzte Präsidentenwahl habe sie leider verpasst. Immerhin habe sie vor zwei Jahren schon das Vergnügen gehabt, bei der Parlamentswahl für Putins Partei Einiges Russland zu stimmen.

Von der Politik vergessen

Normalerweise beginnt der Wahlkampf ein paar Wochen vor der Abstimmung. Oft demonstrieren die Behörden zu dieser Zeit, dass sie sich um die Bevölkerung sorgen und lösen längst gegebene Versprechen ein. Aber diesmal ist in Jelan gar nichts geschehen. Keine Verbesserungen, keine Agitation auf den Straßen der Stadt, keine Plakate, nichts. Es scheint, als hätte die Politik Jelan schon lange vergessen.

Anfang März bedeckt zum ersten Mal in diesem Winter Schnee die schlammigen Straßen, die noch nie asphaltiert waren. Und er bedeckt die Schlaglöcher der wenigen Straßen, die Asphalt haben. Nur die Natur hat alles gegeben, um die Stadt schön zu machen.

Einladung zur Wahl: "Wählen wir die Zukunft" © privat

Am Wahlsonntag gibt es nichts zu entscheiden, auch wenn die Wahlbroschüre behauptet, es gehe um die Zukunft Jelans. Russland wählt sowieso wieder eine Zukunft mit Putin, der schon seit 18 Jahren an der Macht ist. Auch wenn die ungewöhnlich bunten Stimmzettel diesmal acht Kandidaten anbieten, haben die Wähler keine Wahl. Unter den Kandidaten sind der Rechtspopulist Wladimir Schirinowski und der Liberale Grigori Jawlinski, beide gehören seit Jahren zur Wahlfolklore. Die umstrittene Xenia Sobtschak wird in Jelan nicht ernsthaft als potenzielle Präsidentin wahrgenommen. Es gibt noch drei weitere Kandidaten, deren Namen aber niemand kennt, und Pawel Grudinin, der von den Kommunisten aufgestellt wurde. Das Umfrageinstitut WZIOM sagt Grudinin immerhin sieben Prozent der Stimmen voraus, aber Putin wird wohl um die 70 Prozent bekommen. Das einzig Interessante an dieser Wahl ist also die Frage: wie hoch wird die Wahlbeteiligung ausfallen?

Der Oppositionelle Alexej Nawalny, der nicht zur Wahl zugelassen wurde, hat zum Boykott der Abstimmung aufgerufen. Doch so etwas ist den meisten in der Provinz fremd.