Bei der Präsidentenwahl in Russland haben unabhängige Beobachter zahlreiche Unregelmäßigkeiten gemeldet. Die Nichtregierungsorganisation Golos berichtete von mehrfach abgegebenen Stimmen, gefälschten Wahlzetteln und der Behinderung von Wahlbeobachtern. Golos zeigte sich auch besorgt über Informationen, wonach Arbeitgeber oder Universitäten ihre Mitarbeiter oder Studenten unter Druck setzten, ihre Stimme nicht an ihrem Wohnort, sondern am Arbeits- oder Studienort abzugeben – "damit ihre Teilnahme an der Wahl kontrolliert werden kann".

Golos, eine auf Wahlbeobachtung spezialisierte Organisation, zeigt auf ihrer Website anhand einer Russland-Karte alle von ihr registrierten Unregelmäßigkeiten; um 16 Uhr Mitteleuropäischer Zeit (MEZ) seien es bereits etwa 2.300 Fälle gewesen. Vertreterinnen und Vertreter der staatlichen Wahlkommission prüfen nach eigenen Angaben mehrere Fälle von Mehrfachstimmabgaben. Ein solcher Zwischenfall wurde aus der Stadt Ljuberzy bei Moskau gemeldet; alle Stimmzettel in der betroffenen Wahlurne wurden für ungültig erklärt.

Die liberale Zeitung Nowaja Gaseta berichtete, in mehreren Städten sei Studentinnen und Studenten gedroht worden, sie bekämen Probleme bei den Prüfungen oder würden von der Hochschule geworfen, wenn sie nicht zur Wahl gingen. Laut der russischen Opposition wurden viele Wählerinnen und Wähler von der Polizei mit Bussen zu den Wahllokalen gefahren. Zudem seien Rabattgutscheine an Wähler verteilt worden. Viele Wähler gaben an, sie seien von ihren Arbeitgebern unter Druck gesetzt worden, ihre Stimme abzugeben. Nach Angaben der Wahlkommission stehen jedoch solche Bemühungen, eine hohe Beteiligung zu erreichen, im Einklang mit dem Gesetz.

Die Höhe der Wahlbeteiligung – um 16 Uhr MEZ lag sie bei 53 Prozent – gilt als wichtiger Indikator für Präsident Wladimir Putins Rückhalt in der Bevölkerung. Die Behörden zogen so manches Register, um eine hohe Wahlbeteiligung sicherzustellen: Die Stimmung in den Wahllokalen war festlich, aus Lautsprechern dröhnte patriotische Musik, es gab günstiges Essen und es wurden Preise für das beste Selfie im Wahllokal ausgelobt. Die Umfrageinstitute rechneten mit einer Beteiligung zwischen 63 und 67 Prozent. Kreml-Strategen haben die magische Zahl "70-70" als Zielmarke gesetzt: 70 Prozent Wahlbeteiligung und 70 Prozent der Stimmen für Putin.

Nawalny kritisiert die Gegenkandidaten

Putins von der Wahl ausgeschlossener Kritiker Alexej Nawalny sagte in einem auf YouTube veröffentlichten Video: "Normalerweise sollte man am Wahltag sagen wollen 'ich habe gewählt', aber tatsächlich bin ich hier, um zu sagen, dass ich nicht zur Wahl gegangen bin." Er kritisierte Putins Gegenkandidatinnen und -kandidaten dafür, nicht gegen Unregelmäßigkeiten bei der Wahl protestiert zu haben. "Solche Kandidaten sind eurer Stimmen nicht würdig", schrieb Nawalny auf seinem Blog.

Nawalny hatte die Wahl in den vergangenen Tagen als Farce bezeichnet und zum Boykott aufgerufen. Seine Bewegung entsandte nach eigenen Angaben mehr als 33.000 Beobachter in die Wahlbüros; ihnen sei aber der Zugang zu vielen Wahllokalen verwehrt worden. Nawalnys Unterstützer berichteten von Betrug am Wahltag: Besonders betroffen waren demnach Moskau und die umliegende Region, St. Petersburg und Baschkirien im Ural. Ein von Nawalny veröffentlichtes Video zeigte offenbar, wie in einem Wahllokal im fernen Osten Russlands gefälschte Stimmzettel in die Wahlurnen gestopft wurden.

Die Wahl in Russland, das sich über elf Zeitzonen erstreckt, begann um acht Uhr Ortszeit und endete um 19 Uhr MEZ, als auch in der russischen Exklave Kaliningrad die Wahllokale schlossen. Exakt 108.968.869 Wahlberechtigte waren aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Bereits kurz nach Schließung der letzten Wahllokale werden die ersten Prognosen erwartet.

"Das sind nicht wirklich Wahlen wie in westlichen Ländern", sagte Stepan Gonscharow vom unabhängigen Umfrageinstitut Lewada, das von der Regierung Moskau als "ausländischer Agent" eingestuft wird und keine Daten zur Wahl veröffentlichen darf. Gonscharow sagte, die Russen hätten keine echte Auswahl. "Wenn sie ihr Missfallen ausdrücken wollen, gehen sie nicht hin."

Depardieu zeigt "Liebe zu Russland"

Anders der Neu-Russe Gérard Depardieu: Er habe "mit einem Gefühl der Liebe zu Russland" gewählt, sagte der Schauspieler dem TV-Sender Rossija 24. Die russische Botschaft in Paris twitterte ein Foto von Depardieu bei der Stimmabgabe. Er trug eine Lederjacke und eine Sonnenbrille. Der 69-jährige Schauspieler hat Frankreich 2013 wegen eines Steuerstreits verlassen; Putin sprach Depardieu damals per Ukas den russischen Pass zu. Seitdem ist Depardieu in der Teilrepublik Mordwinien registriert.

Erstmals nehmen auch die Bürger auf der Krim an einer russischen Präsidentschaftswahl teil. Knapp 1,5 Millionen Menschen waren dort zur Stimmabgabe aufgerufen. Nach Angaben der Wahlkommission in Moskau waren mehr als 40 internationale Beobachter aus 20 Staaten auf der Krim im Einsatz, darunter auch Deutsche. Russland hat die Schwarzmeer-Halbinsel im Sommer 2014 nach einem dortigen Volksentscheid in die Russische Föderation eingegliedert. Das französische Außenministerium teilte mit, es werde die Wahl auf der Krim nicht anerkennen.

Die Ukraine protestiert ebenfalls gegen die Wahl auf der Krim. Die Staatsführung blockierte russische Konsulate und die Botschaft. Nur Diplomaten wurden in die vier Einrichtungen in Kiew, Charkiw, Odessa und Lwiw gelassen. Russland warf der ukrainischen Regierung vor, Russen in der Ukraine an der Wahl zu hindern.