Die andere Seite regt sich wiederum darüber auf, wenn der Ruf nach Beweisen erklingt: Die Geheimdienste könnten nun mal nicht konkret werden, weil ihre Quellen verbrennen würden! Oder: Wie naiv! Als könnte es in solchen Fällen auf frischer Tat Ertappte geben! Das mag richtig sein, allerdings wurden bislang nicht nur keine "harten Beweise" präsentiert, sondern nicht mal Indizien. Stattdessen: Verweise und Verdächtigungen, die teils sehr schlüssig, teils aber wenig überzeugend klingen.

In Demokratien müssen politische Schritte gerechtfertigt und erklärt werden. Die Erklärungen der vergangenen Wochen hingegen sahen sehr müde aus: Die Geheimdienste müssen etwas in der Hand haben, andernfalls würden sie nicht so gut wie alle EU-Staaten mittragen. Was das sein könnte, ist nicht klar. Die Folge: Politik wird zur Glaubensfrage.

3. Die Träume vom deutsch-russischen Ausgleich sind wieder da

Da es beim Fall Skripal also um so ziemlich alles geht, nur nicht um Skripal, kommt natürlich wieder die deutsche Russlandpolitik auf den Tisch. Und wenn die deutsche Russlandpolitik auf den Tisch kommt, wittert die Linke eine Chance zur Abrechnung. Der Kolumnist Friedrich Küppersbusch zum Beispiel dürfte vielen von ihnen stellvertretend aus der Seele sprechen, als er in der taz meinte, dass Deutschland "eher Russlands Westküste als die Ostküste der USA" sei. Sein frommer Wunsch: "Es gibt hoffentlich bald eine eigenständige deutsche Außenpolitik." 

Man fragt sich, erstens, wozu der Geograf Küppersbusch Finnland, Ukraine und Polen zählt, wenn Deutschland die russische Westküste markiert und, zweitens, ob ein Linker wie Küppersbusch tatsächlich nicht merkt, dass er mit dieser Wortwahl wie ein freundlicher Reichsbürger (fremdbestimmtes Deutschland) klingt und die Position der Rechten runterleiert: An dem deutsch-russischen Ausgleich soll Europa also genesen. Geschenkt, dass diese Politik über die Köpfe Mitteleuropas hinweg vor knapp 80 Jahren Millionen das Leben kostete.

4. Bitte mal den Regler runterdrehen

In diesen Tagen sind ständig die Warnungen vor dem "diplomatischen Krieg mit Russland" zu lesen, nicht ohne den Hinweis auf die Lügen westlicher Geheimdienste beim Irakkrieg 2003. Der Fall Skripal hat tatsächlich das Zeug, die europäische Russlandpolitik zu verändern – er wird zum  Anlass, die Versäumnisse im Umgang mit früheren russischen Grenzüberschreitungen zu kompensieren. 

Geht es trotzdem eine Nummer kleiner? Denn so richtig der Verweis auf die Lügen im Irakkrieg ist, so falsch ist der Vergleich: Einen Krieg mit erfundenen Beweismitteln vom Zaun zu brechen hat eine andere Qualität als die Ausweisung von ein paar Diplomaten. Und noch etwas gerät bei dem überbordenden Wortschatz aus dem Blick: Die Ausweisungen sind reine Symbolpolitik, obgleich ziemlich laute. Diese Symbolpolitik kann viel kaputtmachen, faktisch jedoch kostet sie fast nichts: In den meisten Botschaften folgen auf die ausgewiesenen Diplomaten sogleich neue. 

5. Was also tun?

Es gibt keine Notwendigkeit zur Hast. Kein heißer Krieg, der gestoppt werden muss, keine umkämpfte Frontverschiebung, bei der jeder Tag zählt. Warten, bis kommende Woche die Untersuchungsergebnisse der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) da sind und dann das weitere Vorgehen abstimmen, wäre ein erster Schritt. Ein zweiter: abwarten, ob es Julia Skripal tatsächlich so gut geht, dass sie Interviews gibt, wie Medien berichten.

Ein dritter: es so machen, wie die Finnen es bisher machten. Die haben schon länger Probleme mit dem russischen Nachbarn. Und setzen auf die Kraft der Erklärung. Ein russischer Kampfjet dringt mal wieder in den finnischen Luftraum ein? Die Finnen veröffentlichen Datum samt Aufnahme. Eine Armee aus russischen Trollen und finnischen Helfern hetzt mit Morddrohungen und beispiellosen Verunglimpfungen gegen eine finnische Journalistin? Polizei und Staatsanwalt ermitteln. Geheimdienste und Politiker sind alarmiert ob russischer Einflusskampagnen? Also lassen sie sich schulen, koordinieren ihre Ministerien und Geheimdienste – und geben noch mehr Interviews.

Finnische Politiker sind schon sehr viel länger alarmiert über die russischen Einflussversuche als die Deutschen. Und sie haben ein besonderes Gut zu verteidigen, den Konsens einer Gesellschaft, der in dieser Form einmalig ist in Europa. Also werden sie nicht müde, wieder und wieder ihre Politik zu erklären. Ganz schön verrückt, was? 

Der Absatz über den deutsch-russischen Ausgleich wurde auf Hinweis von Leserinnen und Lesern konkretisiert: Kritisiert wird darin nun, dass solche Politik nach Auffassung der Autorin "über die Köpfe Mitteleuropas hinweg" gemacht wurde und wird.