Irgendwann wird die Wirklichkeit ihn schon einholen, diesen Überflieger! Früher oder später wird Emmanuel Macron aufwachen. Am Ende seiner Traumreise wird er auf die Deutschen treffen, die ihm mit ihrem betonharten Sinn fürs Reale nachsichtig auf die Schulter klopfen werden: "Wir haben es dir doch gesagt, cher Emmanuel!" Und Emmanuel wird klein beigeben und sich etwas betreten wieder ins Schneckenhaus Europa zurückziehen, wo die Deutschen ihrer Lieblingsbeschäftigung frönen: Geld zählen, Geld zusammenhalten und den anderen erklären, was sie tun müssten, damit sie auch so erfolgreich werden können.

Dieser Moment schien gekommen, als der französische Präsident am Montag in Straßburg vor den versammelten Europaparlamentariern sprach. Macron redete sehr wenig über Euroreformen, die er sechs Monate zuvor in einer furiosen Rede an der Sorbonne angekündigt hatte. Das deutet man als Zeichen. Macron habe schon verinnerlicht, was seit Tagen gestreut würde: Angela Merkel würde bei der Reform des Euro nicht mitziehen. Und Macron würde sich fügen. Aus der Traum. Vorbei.

Nein, ganz so einfach ist es nicht.

Macron ist bei all dem Pathos, das er an den Tag legt, ein Pragmatiker. Er weiß, dass er alles, was er in Sachen Euro haben will, nicht durchsetzen kann, das wusste er vermutlich von Anfang an. Er kennt die Realität, er weiß um die deutschen Bedenken und Sorgen. Und er kann sich anpassen. Aber das – man täusche sich nicht – hat auch für Berlin Konsequenzen, und die könnten weitreichender sein, als die selbstgenügsam vor sich hin wurstelnde deutsche Regierung sich im Moment vielleicht auszumalen bereit ist.

Das Motor-Mantra

In seiner Rede sprach Macron nicht einmal von der Achse Berlin-Paris. Das ist bemerkenswert. Denn sonst ist der Satz von der Achse Berlin-Paris ein Standard. Und die Rede vom deutsch-französischen Motor, ohne den in Europa ja nichts laufe, das seit Jahrzehnten wiederholte Mantra.

Macron aber stimmte in Straßburg einen anderen Ton an. Er redete von einer "Minimalübereinstimmung mit Berlin". Das sei ausreichend, um voranzukommen.

Die Botschaft ist klar. Ich will vorangehen, und wer kann, der soll mir folgen.

Vielleicht haben die Zauderer in Berlin die Botschaft verstanden. Ihr da seid wichtig, aber ihr seid nicht die Einzigen – Europa ist größer als Deutschland.