Europa kennt zwei strahlende Wahlsieger. Emmanuel Macron und Viktor Orbán. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Franzose Macron will eine stärkere Europäische Union. Der Ungar Orbán will sie schwächen. Macron glaubt, dass nur die EU die Globalisierung meistern kann; Orbán glaubt, dass dafür ein Nationalstaat notwendig ist. Beide stehen an der Spitze sich rasant herausbildender politischer Lager. Macron versus Orbán – das ist die Auseinandersetzung, die den Wahlkampf zum europäischen Parlament im Jahr 2019 prägen wird. Jetzt schon wirft er seine Schatten voraus.

Und was ist mit den anderen? Mit der Europäischen Volkspartei, der stärksten Fraktion im Europäischen Parlament, mit Sozialisten und Sozialdemokraten, mit den Liberalen, mit den Grünen und Linken? Was ist mit den traditionellen europäischen Parteifamilien? Sie haben jetzt ein Problem. Denn Macron und Orbán bieten ein klares Narrativ an: mehr Europa, weniger Europa. Das ist nicht neu, aber durch die inneren Spaltungen und die äußeren Gefahren, der die EU ausgesetzt ist, bekommt dieses Narrativ ein existenzielle Dringlichkeit, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat. Es steht jetzt sichtbar vor aller Augen. Und es wird von zwei charismatischen Führungspersönlichkeiten vertreten. Den Etablierten im Europäischen Parlament fehlt beides, eine starke Erzählung und eine charismatische Person an der Spitze. Macron und Orbán sind deshalb eine ernste Herausforderung für die etablierten europäischen Parteifamilien, allerdings sind sie es auf unterschiedliche Weise.

Von außen droht die Zertrümmerung, von innen die Vergiftung

Macron kommt von außen. Seine Bewegung La Republique en Marche! gehört zu keiner Parteifamilie. Sie will es aus einer strategischen Überlegungen heraus nicht: Im Alten kann nichts Neues entstehen. Einen Teil seiner Kraft bezieht Macron daraus, dass sehr viele Menschen in Europa diesen Glauben teilen. Europe en Marche! soll 2019 deshalb wiederholen, was in Frankreich gelungen ist. Ein Außenseiter zertrümmert das Alte. Oder besser: Er lässt das Verbrauchte hinter sich.

Orbán hingegen kommt von innen. Er ist mit seiner Partei Fidesz Mitglied der Fraktion der Europäischen Volkspartei. Es gab in der Vergangenheit immer wieder mal die Debatte, ob denn Orbán aus der EVP ausgeschlossen werden sollte, weil er etwa (als ein Grund von vielen) Ungarn zu einer "illiberalen Demokratie", einem autoritären System umbaute. Doch zum Ausschluss ist es nie gekommen. Dazu wird es jetzt erst recht nicht mehr kommen. Denn Orbán ist mit einem glänzenden Ergebnis zum vierten Mal zum ungarischen Premier gewählt worden. Nicht nur ist er zu stark, sondern seine Anziehungskraft ist extrem gewachsen, weit über Ungarns Grenzen hinaus bis tief in das europäische konservative Lager hinein. Jetzt stellt sich nicht mehr die Frage, ob die EVP Orbán "zivilisieren" kann. Es stellt sich die Frage, ob Orbán nicht die EVP auf Dauer "entzivilisiert". Die vielen eilfertigen Gratulationen, die Kotaus vor dem strahlenden Wahlsieger Orbán auch aus Deutschland sind ein Hinweis darauf, dass es so kommen könnte.

Von außen droht die Zertrümmerung, von innen die Vergiftung. Es kommen schwere Zeiten auf Europas etablierte Parteien zu.