Als Reaktion auf die Ausschreitungen an der Gaza-Grenze hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan den israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu einen "Terroristen" genannt. "Ey Netanjahu, du bist ein Besatzer. Und gerade befindest du dich als Besatzer auf diesem Land. Gleichzeitig bist du ein Terrorist", sagte Erdoğan in einer Rede im südtürkischen Adana. Israel bezeichnete er als "Terrorstaat".

Bereits am Vortag hatte Erdoğan die Schüsse israelischer Soldatinnen und Soldaten auf palästinensische Demonstrierende als "Massaker" verurteilt und angekündigt, dass die Türkei die "palästinensischen Brüder in ihren rechtmäßigen Anliegen bis zum Ende unterstützen" werde.

Netanjahu reagierte darauf auf Twitter. "Die moralischste Armee der Welt wird sich keine Moralpredigten anhören von jemandem, der selbst seit Jahren eine Zivilbevölkerung ohne Unterscheidung bombardiert", schrieb Netanjahu und bezeichnete Erdoğans Äußerungen als Aprilscherz.

Massenproteste sollen bis Mai dauern

Am Freitag waren Massenproteste an der Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen eskaliert. Israelische Soldaten schossen auf Palästinenser, dabei starben 17 Menschen. Seit dem Gaza-Krieg 2014 sind nicht mehr so viele Menschen auf einmal ums Leben gekommen.

Nach Angaben Israels hätten einige der Demonstrierenden auf die Soldaten geschossen oder Steine geworfen. Die Soldaten hätten nur auf Menschen geschossen, die den Grenzzaun angegriffen hätten. Mehr als 1.400 Menschen wurden verletzt, vor allem durch Tränengas. Die Ausschreitungen setzten sich am Sonntag fort, wobei laut einer israelischen Armeesprecherin ein Palästinenser lebensgefährlich verletzt wurde.

Grund für die Proteste ist der 70. Jahrestag der Gründung Israels. Sie sollen bis zum Nakba-Tag am 15. Mai dauern – an diesem "Tag der Katastrophe" erinnern Palästinenserinnen und Palästinenser an die Vertreibung von rund 700.000 Menschen, die im ersten Nahostkrieg 1948 fliehen mussten. Einen Tag davor wollen die USA ihre Botschaft in Jerusalem eröffnen.

Israel wirft Türkei Unterstützung der Hamas vor

UN-Generalsekretär António Guterres forderte nach den Vorfällen am Freitag "unabhängige und transparente Ermittlungen". Der israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman lehnte dies ab und verteidigte Israels Vorgehen im Gazastreifen. Von den 40.000 Demonstrierenden seien laut Lieberman rund 90 Prozent Aktivisten oder Angestellte der im Gazastreifen herrschenden Hamas sowie deren Angehörige gewesen. Demnach seien die meisten der am Freitag getöteten Palästinenser "bekannte Terroraktivisten" gewesen, sagte Lieberman.

Lieberman kündigte an, die israelische Regierung werde für eine Untersuchung nicht mit den UN kooperieren, da sein Land aus seiner Sicht regelmäßig von den Vereinten Nationen auf ungerechte und zynische Weise angeklagt werde. "Ich schlage diesem ganzen Marsch der Heuchler in Israel und im Ausland vor, den Tod von einer halben Million Menschen in Syrien zu untersuchen, Hunderttausende Tote im Jemen, in Libyen, im Sudan", sagte Lieberman.

Israel wirft der Türkei seit Langem vor, die im Gazastreifen herrschende radikalislamische Hamas zu unterstützen. 2016 unterzeichneten beide Länder ein Versöhnungsabkommen. Dabei setzte Erdoğan auch türkische Hilfslieferungen für den Gazastreifen durch.