James Comey zögert kurz, bevor er die Frage beantwortet. Ob Donald Trump für das Amt des US-Präsidenten ungeeignet sei, will sein Gegenüber wissen. Der Ex-FBI-Chef atmet tief ein. Dann sagt er: ja. Comey sitzt im Wohnzimmer seines Hauses. Blauer Anzug, hellblaues Hemd, keine Krawatte. Ihm gegenüber hat George Stephanopoulos Platz genommen, der Chefmoderator des US-Fernsehsenders ABC.

Insgesamt fünf Stunden haben sich die beiden Männer vergangene Woche Montag unterhalten – über Comeys Karriere, seine Zeit als FBI-Direktor und vor allem über sein Verhältnis zu Donald Trump. Am Sonntagabend strahlte ABC nun einen einstündigen Zusammenschnitt des Gesprächs aus. Gleichzeitig veröffentlichte die Redaktion das Transkript der vollständigen Unterhaltung.

Es ist das erste große Interview, das Comey seit seinem Rauswurf vor fast genau einem Jahr gibt. Der Ex-FBI-Direktor hatte sich in den vergangenen Monaten rar gemacht, war kaum öffentlich in Erscheinung getreten – von gelegentlich getwitterten Landschaftsfotos abgesehen. Stattdessen widmete er seinem Buch Größer als das Amt, das an diesem Dienstag auf den Markt kommt.

"Unmoralischer Lügner"

Comey beschreibt Trump darin als unmoralischen Lügner mit dem Charakter eines Mafia-Bosses – Vorwürfe, die er auch im Interview wiederholt. "Unser Präsident muss Respekt verkörpern und für die Werte einstehen, die den Kern unseres Landes ausmachen. Der wichtigste davon ist die Wahrheit", sagte der Ex-FBI-Direktor zu Stephanopoulos. "Dieser Präsident ist dazu nicht in der Lage. Er ist moralisch ungeeignet, Präsident zu sein."

Es ist ein schwerer Vorwurf – und Comey wird ihn in den kommenden Tagen sicherlich wiederholen. Denn das Fernsehinterview ist nur der Auftakt für eine große Medienkampagne, die das Erscheinen seines Buches flankiert. Comey wird in dieser Woche fast jeden Tag im Fernsehen zu sehen sein – von Frühstückssendungen bis zu Late Night Shows. Auch eine Lesereise und landesweite Diskussionsveranstaltungen wird es geben. Das Interesse ist riesig, die meisten Veranstaltungen waren innerhalb von Minuten ausverkauft. Sein Verlag hat vorgesorgt. Rund 850.000 Exemplare des Comey-Buches sollen am ersten Verkaufstag in den Buchhandlungen bereitliegen. Zum Vergleich: Der bisherige politische Megaseller des Jahres, Michael Wolffs Fire and Fury, hatte eine Startauflage von 150.000 Ausgaben.

Comeys Interview wird jedoch nicht nur den Verkauf seines Buches befördern. Auch seine Fehde mit dem US-Präsidenten wird durch seine Auftritte verstärkt. Nicht, dass das nötig wäre. Schon in der vergangenen Woche hatte sich Trump auf den Ex-FBI-Direktor eingeschossen. Er sei ein "verlogener Schleimball", twitterte der Präsident bereits am Donnerstag. Am Morgen vor der Ausstrahlung des Interviews erhöhte er noch einmal die Schlagzahl.

Comey sei "glitschig", schrieb der US-Präsident, zudem nicht schlau und werde als der mit Abstand schlechteste FBI-Direktor in die Geschichte eingehen. Auch legte Trump nahe, Comey gehöre wegen angeblicher Falschaussagen vor dem Kongress und der Weitergabe vertraulicher Informationen ins Gefängnis. Ein Lügner sei er allemal.

Mehrere Trump-Verbündete machen sich im Einzelfall zwar nicht die Wortwahl des Präsidenten zu eigen – seine Angriffe auf den Ex-FBI-Chef unterstützen sie aber sehr wohl. Ihr Ziel: Comeys Glaubwürdigkeit untergraben. Die Parteizentrale der Republikaner hat zu diesem Zwecke extra eine Website eingerichtet. Unter Lyincomey finden Leser vor allem kritische Kommentare von Demokraten, die Comey ihr Misstrauen aussprechen.