Christoph von Marschall ist erster Helmut-Schmidt-Fellow der ZEIT-Stiftung und des German Marshall Fund of the United States und arbeitet derzeit in Washington an einer Studie über die Zukunft der transatlantischen Beziehungen. Er ist gerade zurück aus Paris, wo er mit Präsidentenberatern und Diplomaten über Frankreichs Erwartungen an Deutschland gesprochen hat. Seit 1991 schreibt von Marschall für den "Tagesspiegel", unter anderem war er viele Jahre US-Korrespondent.

Deutschland sollte vielleicht doch nicht so schnell eine führende politische Rolle in Europa übernehmen. Die EU ist der größte Wirtschaftsblock der Welt und Deutschland sein einflussreichstes Mitglied. Aber ein Großteil seiner Eliten ist offenbar auch nach 70 Jahren kontinuierlicher Wiedereinbindung in den Westen nicht reif, Führung zu übernehmen. Das fällt ganz besonders auf, wenn man gerade aus Paris zurückkehrt und eine Woche hochrangiger Gespräche mit der außenpolitischen Elite der französischen Republik über die Zukunft der transatlantischen Partnerschaft hinter sich hat. Oder wenn man sich in Washington mit US-Außenpolitikern, die nicht zu den Anhängern Donald Trumps zählen, über Deutschlands künftige Rolle in der Welt unterhält.

In Paris denken die Eliten sehr verantwortungsbewusst darüber nach, wie man die liberale regelbasierte Ordnung, die ja auch eine Werteordnung ist, verteidigen kann. Und wie man strategisch mit den Regelbrechern von Russland bis China umgeht. Das gilt auch für die meisten Außenpolitikexperten in den USA.

Im Vergleich wirken die deutschen Debatten um den vereinten Luftangriff Frankreichs, Großbritanniens und der USA auf Giftgasanlagen in Syrien beängstigend und beschämend. Ihnen fehlen der moralische Kompass und der strategische Weitblick. Sie sind offen antiamerikanisch, verdeckt antieuropäisch und antiwestlich sowie hysterisch in ihrer Beschwörung der Gefahr eines dritten Weltkriegs.

Der viertgrößten Wirtschaftsmacht fehlt die Orientierung

Der moralische Kompass: Eigentlich dürfte es keine Frage sein, welche Partei man hier ergreift. Ein mörderischer Diktator setzt Giftgas ein, seine Schutzmacht Russland hat das nicht verhindert. Giftgas ist eine international geächtete Waffe. Deutschland sollte jedem dankbar sein, der dieses Minimum an Konsens in der Weltordnung verteidigt. Ganz selbstverständlich sollte Deutschland als viertgrößte Wirtschaftsmacht der Erde und Mitglied des westlichen Wertebündnisses verbal an der Seite Frankreichs, Großbritanniens und der USA stehen – aber nicht nur das; eigentlich sollte es gemeinsam mit den engsten Verbündeten handeln. Woher kommt die Orientierungslosigkeit? Die Selbstverständlichkeiten scheinen einem Gutteil der Eliten in Politik und Medien nicht klar zu sein.

Antiamerikanisch und antieuropäisch: Die Tonlage, in der US-Präsident Donald Trump für seinen Syrien-Kurs angegriffen wird, ist offen antiamerikanisch. Und zugleich verdeckt antieuropäisch. Der offene Antiamerikanismus ist natürlich viel verbreiteter in Deutschland als der Antieuropäismus. Deshalb wird Trump angegangen und mit herabwürdigenden Adjektiven versehen.

Man sollte freilich nicht vergessen, dass Emmanuel Macron in der Giftgasfrage nicht anders denkt und handelt. Macron wird nicht offen angegriffen. Denn der gilt ja ansonsten als ein "Guter" – ja geradezu als Held der deutschen Anhänger einer raschen Integration Europas. Diese Bewusstseinsspaltung ist nur ein neues Beispiel der rhetorischen Verrenkungen, mit denen manche Deutsche sich die Welt so zurechtschnitzen, wie es ihrem ideologischen Weltbild entspricht. In der Wirklichkeit stehen Macron und Trump in Syrien ganz eng beisammen. Es wäre redlich, jeden Kommentar zu Syrien so zu schreiben, dass man die Namen Trump und Macron austauschen kann – also auch keinen Satz über Trump zu formulieren, den die jeweilige Person nicht ebenso über Macron äußern würde.

Deutschland ist der Geisterfahrer, nicht Trump oder Macron

Wer eine gemeinsame europäische Außen- und Verteidigungspolitik Europas möchte, wird an Macron nicht vorbeikommen. Wer ihm nicht mal in seiner Abwehr von Giftgaseinsätzen in Syrien folgen möchte, sollte alle Pläne vergessen, Europa handlungsfähiger zu machen. Es dürfte schwer fallen, ein anderes Land in der EU zu finden, in dem die öffentlichen Kommentare zum Angriff auf Syriens Giftgasanlagen ähnliche Verirrungen aufweisen wie in Deutschland (plus Österreich). In anderen EU-Staaten freut sich die große Mehrheit, dass jemand handelt. Deutschland ist hier der Geisterfahrer, nicht Trump oder Macron.

Hysterische Beschwörung eines Weltkriegs: Das rhetorische Wettrüsten zwischen Wladimir Putin und Donald Trump ist gewiss verantwortungslos. Aber die Gefahr, dass sie handeln, wie sie reden, besteht nicht. Für beide hat die Innenpolitik Priorität. Dort wollen sie als starker Max wahrgenommen werden. Deshalb reden sie, wie sie reden. Die Innenpolitik begrenzt zugleich ihre Konfliktbereitschaft. Weder Trump noch Putin möchte sich eine Eskalation leisten, die Milliarden Dollar Steuergelder kostet und das Risiko erhöht, dass Soldaten in Särgen heimkehren. Das ist unter ihren Anhängern nicht populär.