Die Hintergründe: Anfänge und Radikalisierung

Zu Boko Haram zählen diverse Splittergruppen; einige von ihnen kämpfen seit mehreren Jahren im Namen des Islam. Grob datiert werden kann die Entstehung der Gruppe auf das Jahr 2002. Sie hat sich in Maiduguri im Norden Nigerias formiert. Ihr Vorgehen war zunächst friedlich. Experten sehen die anfängliche Attraktivität von Boko Haram vor allem in den politischen und sozialen Verhältnissen im Norden Nigerias begründet: Die Gesellschaft ist ethnisch und religiös zersplittert, Armut und Arbeitslosigkeit sind höher als in anderen Landesteilen. Der Staat kommt seinen Aufgaben nur bedingt nach, die Lokalregierungen sind oft korrupt.

Etwa ab 2009 radikalisierte sich die Gruppe und bekämpft seither aktiv den nigerianischen Staat. Seit 2011 kommt es beinahe im Wochenrhythmus zu Überfällen auf Kirchen, Polizeistationen, Schulen, Universitäten und andere Einrichtungen des Staates. Markenzeichen von Boko Haram sind sogenannte Drive-by-Shootings, gezielte Tötungen vom Motorrad aus, die sogar zu einem Motorrad-Verbot in Maiduguri führten. Seit 2009 wurden mehr als 17.000 Menschen durch Boko Haram getötet und 2,6 Millionen Menschen in die Flucht getrieben. Aufgrund des anhaltenden Terrors rief der ehemalige nigerianische Präsident Goodluck Jonathan im Mai 2013 in den drei nördlichen Bundesstaaten Borno, Yobe und Adamawa den Notstand aus. Der Konflikt weitete sich inzwischen auf die Nachbarländer Kamerun, Tschad und Niger aus. Seit November 2013 wird Boko Haram von den USA als Terrororganisation eingestuft. Die finanziellen Mittel Boko Harams stammen einerseits von Überfällen, bei denen in den vergangenen Jahren mutmaßlich Millionen von Dollar erbeutet wurden. Die Sekte wird aber auch von anderen Terrororganisationen wie Al-Kaida und ihrem nordafrikanischen Ableger Al-Kaida im islamischen Maghreb (Aqmi), der somalischen al-Schabab oder dem Islamischen Staat unterstützt. 

Der Name Boko Haram

Offiziell trägt die Gruppe seit 2009 den Namen Jama'atu Ahlis Sunna Lidda'awati wal-Jihad, was übersetzt "Vereinigung der Sunniten für den Ruf zum Islam und für den Dschihad" bedeutet. Griffiger ist der Name, den die lokale Bevölkerung für sie gefunden hat: Boko Haram. Haram ist arabisch und bezeichnet im Islam alles, was nach der Scharia verboten ist. Das Wort Boko stammt aus der nigerianischen Sprache Hausa und war zunächst ein Überbegriff für alles, was mit Betrug oder Täuschung zu tun hatte. Als die Kolonialmacht Großbritannien in Nigeria zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein westliches Schulsystem einführte, stieß sie damit auf große Ablehnung in der Bevölkerung. Im Vergleich zu traditionellen Koranschulen wurde die westliche Bildung als unzureichend und verlogen wahrgenommen und damit als Boko. Heute ist Boko auch die Bezeichnung für ein Alphabet, mit dem Hausa in lateinischen Lettern geschrieben werden kann. Darüber hinaus wird der Begriff weiterhin als Synonym für nicht-islamische, westliche Bildung verwendet. Boko Haram wird deshalb häufig als "Westliche Bildung ist Sünde" übersetzt.

Der Anführer

Der Chef von Boko Haram war von 2010 bis 2016 Abubakar Shekau. Er soll in der Stadt Maiduguri aufgewachsen und dort während seines Studiums der islamischen Theologie mit seinem Vorgänger Mohammed Yusuf in Kontakt gekommen sein. Shekau spricht die beiden nigerianischen Sprachen Kanuri und Hausa, außerdem fließend arabisch. Er wird als skrupelloser Ideologe beschrieben. So sagte er in einem Video von 2012: "Ich genieße es jeden zu töten, dessen Tötung Gott mir befiehlt – genau wie ich es genieße, Hühner und Schafböcke zu töten." Dennoch soll er ruhig und introvertiert sein; die BBC nennt ihn "halb Theologe, halb Gangster". Im Juni 2012 wurde er vom US-Außenministerium offiziell als Terrorist eingestuft. Schon früh wurde Shekau zum führenden Kopf einer radikalen Splittergruppe von Boko Haram, nach dem Tod Yusufs auch deren Anführer. Wie viel Kontrolle Shekau über die diversen Gruppierungen von Boko Haram hatte, ist fraglich.

Im August 2016 meldete das IS-Magazin "Al-Naba", dass Shekau als Chef von Boko Haram entmachtet wurde. Als Nachfolger nannte das Magazin den bisherigen Sprecher der Organisation, Abu Musab al-Barnawi. Beobachter deuten die Meldung als Zeichen, dass der IS mit der Arbeit Shekaus unzufrieden war, da Boko Haram im vergangenen Jahr mehrfach im Kampf dem nigerianische Militär unterlag. Laut einem Bericht der BBC, meldete sich Shekau jedoch kurz darauf in einer Audiobotschaft zu Wort, in der er erklärte, dass er nach wie vor die Kontrolle über die Terrorgruppe habe. Er beschuldigte zudem al-Barnawi eines Putschversuchs.

Boko Haram soll in untergeordneten, lokalen Zellen organisiert sein. Zudem soll es einen Rat geben, der das oberste Entscheidungsorgan der Gruppe ist und auf dessen Zustimmung der Anführer bei Entscheidungen angewiesen ist.

Kurz erklärt - Die Terrororganisation Boko Haram Seit Jahren terrorisiert die Gruppe Boko Haram die Menschen in Nigeria; verschleppen Frauen und Mädchen. Wie es zur Radikalisierung von Boko Haram kam und welche Ziele die Gruppe verfolgt, zeigt dieses Video.