Koalitionsverhandlungen Die Suche nach der schwarz-gelben Richtung

Wohin steuern FDP und Union? Wo droht Streit? Vieles ist noch unklar, doch an einigen Punkten lässt sich der künftige Kurs schon erahnen. Ein Überblick

Geht es nach Angela Merkel, soll sich die schwarz-gelbe Koalition möglichst nicht allzu sehr von der schwarz-roten unterscheiden. Sie sehe keinen Bedarf für eine grundlegende Kurskorrektur, verkündete Merkel am Tag nach der Wahl. FDP-Chef Guido Westerwelle dürfte das anders sehen. Schließlich hat er die vergangenen vier Jahre stets als "verlorene Zeit für Deutschland" gegeißelt.

In den anstehenden Koalitionsverhandlungen müssen beide Partner auf vielen Feldern deswegen erst noch um eine Annäherung ringen. Auf anderen ist dagegen schon recht klar, wohin die Reise gehen soll.

Anzeige

Steuern

Für die FDP ist dies das Prestigethema Nummer eins. Schließlich war die Ankündigung, die Steuern zu senken, eines ihrer zentralen Wahlkampfversprechen. Allerdings hat FDP-Chef Guido Westerwelle nun bereits vorsichtig den Rückzug eingeläutet. Seine Behauptung, dass ein einfacheres und gerechteres Steuersystem mit niedrigeren Sätzen Voraussetzung für eine schwarz-gelbe Koalition sei, hat er seit dem Wahlabend jedenfalls nicht mehr wiederholt.

Der Spielraum ist ohnehin eng begrenzt. 100 Milliarden Euro fehlen allein im Bundeshaushalt 2010. FDP und Union werden sich deswegen erstmal auf einen Zeitpunkt einigen müssen, wann es mit den Steuersenkungen überhaupt losgehen soll. Die Union hat dazu bisher keine klaren Angaben gemacht. Als kleine Konzession an die Liberalen wird sie aber sicher nicht darum herumkommen, sich im Koalitionsvertrag zeitlich festzulegen.

Konsens ist zwischen FDP und CDU, dass der Eingangssteuersatz gesenkt und die sogenannte kalte Progression – das Phänomen, dass Einkommenszuwächse sofort wieder aufgefressen werden, weil man in eine höhere Besteuerung rutscht  – bekämpft werden soll. Einigkeit besteht zudem über die Anhebung des Grundfreibetrags auch für Kinder auf 8004 Euro.

Ihr Modell eines dreistufigen Steuersystems mit den Sätzen 10, 25 und 35 Prozent wird die FDP dagegen sicher nicht durchsetzen. Die Union will am progressiven Tarifverlauf festhalten und den Eingangssteuersatz nur auf 12 Prozent senken. Der Spitzensteuersatz soll bei 42 Prozent bleiben. Während die Steuersenkungspläne der FDP je nach Schätzung zwischen 80 und 35 Milliarden kosten würden, sehen die Unionspläne nur eine Entlastung um 15 Milliarden Euro vor.

Änderungen wird es mit Sicherheit auch bei der Unternehmenssteuerreform geben. Doch während die FDP die Firmen in Milliardenhöhe entlasten will, wird von der Union lediglich eine "krisenfeste Weiterentwicklung" angestrebt. Die Gewerbesteuer würde Guido Westerwelle am liebsten abschaffen. Doch das werden CDU und CSU ihren vielen Bürgermeistern im Land kaum zumuten können, denen dann die wichtigste Einnahmequelle wegbräche.

Gesundheit

Der Gesundheitsfonds der Großen Koalition stand seit seiner Einführung im Zentrum liberaler Kritik. Ein Bürokratiemonster, das den Wettbewerb im Gesundheitssystem eliminiere statt ihn zu fördern, sehen viele FDP-Politiker in ihm. Angela Merkel hat sich in dieser Frage jedoch bereits festgelegt: Kleinere Änderungen ja, Abschaffung nein. Ein Kompromiss könnte darin bestehen, den Fonds finanziell künftig weniger gut auszustatten als bisher. Dann müssten die Kassen höhere Zusatzbeiträge erheben. Der von der FDP bemängelte fehlende Wettbewerb zwischen den Kassen kehrte somit schnell in das System zurück.

Unterstützung bekommen die Liberalen in dieser Frage von der CSU. Auch den Bayern passt der Fonds nicht. Sie verlangen eine stärkere Regionalisierung.

Weil wegen der Wirtschaftskrise der finanzielle Druck auf die Kassen in den nächsten Jahren steigen wird, könnten zudem künftig bestimmte Leistungen aus dem allgemeinen Versicherungsschutz herausgenommen werden. Damit würde die liberale Gesundheitspolitik zumindest im Ansatz verwirklicht, nach der die Bürger sich eine Versicherung "nach ihren Bedürfnissen" zusammenstellen können sollen. Im Klartext heißt das: Sie müssten häufiger private Zusatzversicherungen abschließen.

Innere Sicherheit

Auf diesem Feld stehen die meisten Probleme ins Haus, schließlich war die FDP in den vergangenen Jahren hier programmatisch sehr viel näher an der SPD und den Grünen als bei der Union.

In den Koalitionsverhandlungen könnte die FDP eine Aufhebung der gerade erst beschlossenen Internetsperren im Kampf gegen Kinderpornografie fordern. Auch eine Reform des BKA-Gesetzes, der Vorratsdatenspeicherung oder der nachträglichen Sicherheitsverwahrung werden die Liberalen auf die Agenda setzen wollen.

Die Überlegungen in der Union gehen da in die entgegengesetzte Richtung, wie ein kurz vor der Wahl bekannt gewordenes Papier aus dem Innenministerium belegt, in dem eine Ausweitung der Kompetenzen des Verfassungsschutzes gefordert wurde. Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Wolfgang Bosbach, räumte anschließend allerdings ein, dies sei mit der FDP wohl nicht zu machen. Insofern dürfte die Union sich eher darum kämpfen, den erreichten Status quo zu halten.

Finanzmarkt

Auf dem G-20-Gipfel in Pittbsburgh haben sich Merkel und Noch-Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) erst vor wenigen Tagen für eine internationale Finanzmarkt-Steuer ausgesprochen. Ob Merkel diesen Kurs in Zukunft wird beibehalten können, auch das könnte ein Thema für Koalitionsverhandlungen sein. Denn die FDP lehnt eine solche globale Abgabe auf Transaktionen strikt ab.

Schnell einigen werden sich beide Partner dagegen auf eine veränderte Bankenaufsicht. Sowohl Union als auch FDP wollen die Aufgabenteilung zwischen der obersten Finanzaufsicht BaFin und der Bundesbank beenden und stattdessen die Bundesbank zur alleinigen Kontrollbehörde machen.

Arbeit und Soziales

Hier gehen die Ansichten von Union und FDP ziemlich weit auseinander. Die FDP lehnt Mindestlöhne ab, die Union will zumindest an den bereits eingeführten festhalten. Auch den Kündigungsschutz will die Union unangetastet lassen, die Liberalen fordern eine Lockerung.

Was die Zukunft der Bundesagentur für Arbeit angeht, werden sich die Koalitionspartner entscheiden müssen, ob sie das bis 2013 zu erwartende Loch von 50 Milliarden Euro über Beitragserhöhungen oder Steuerzuschüsse schließen wollen. Sicher nicht verwirklicht wird die FDP-Forderung, die Bundesagentur für Arbeit aufzulösen.

Schnell einigen könnten sich die Koalitionspartner dagegen auf eine Anhebung des Schonvermögens von Hartz-IV-Empfängern.

Energie

Klar ist: Die Laufzeiten für Kernkraftwerke werden verlängert. Das haben beide Parteien im Wahlkampf schließlich übereinstimmend angekündigt. Einig werden müssen sie sich noch über den Zeitraum. Unklar ist bisher auch, wofür die bei den Energiekonzernen anfallenden Mehreinnahmen, von denen der Staat einen Teil abbekommen soll, verwendet werden sollen.

Kritischer könnten die Verhandlungen im Hinblick auf die Förderung der Solarenergie werden. Die sieht die FDP skeptisch, viele Unions-Ministerpräsidenten wollen aber an ihr festhalten.

Verkehr

Einigkeit besteht im Hinblick auf die weitere Privatisierung der Bahn, die sowohl von Union als auch von der FDP gefordert wird, auch wenn die Liberalen teilweise weitergehende Vorstellungen haben. Beide Parteien wollen zudem den Wettbewerb auf der Schiene stärken.

 
Leser-Kommentare
    • Rodorn
    • 29.09.2009 um 17:17 Uhr

    Ich als FDP Mitglied sehe keinen Anlass einen derartigen Koalitionsvertrag zuzustimmen. Diese Inhalte können wir auch unter Schwarz Rot haben, dazu müssen wir nicht den Steigbügelhalter geben.

    Ein einfaches und Gerechtes Steuersystem mit Stufentarif oder alternativ auch gerne Flattax bei entsprechend großzügigeren Freibeträgen und Aufhebung aller Ausnahmetatbestände muss die Basis einer Koalition unter FDP Beteiligung sein. Außerdem muss die Zensurinfrastruktur zurückgenommen werden!

    Damit dies Stattfinden kann können wir gerne auch mal in anderen Bereichen der Union das Feld räumen, aber einen Vertrag der unsere wesentlichsten Ziele nicht umsetzt brauchen wir nicht!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Gerad eauf dem Feld der Arbeitsmarktpolitik und bei den Steuern sind Reformen überfällig. Ich hoffe, in der CDu setzt noch Vernunft ein und es wird endlich ein vereinfachtes Steuersystem realisiert, wie es die Union vor 4 Jahren ja auch forderte. Ich hoffe, dass Westerwelle hart verhandelt und nicht schnell klein bei gibt. Sonst werden viele FDp Wähler schnell enttäuscht sein und das Hoch der Partei wird schnell wieder verblassen.

    Gerad eauf dem Feld der Arbeitsmarktpolitik und bei den Steuern sind Reformen überfällig. Ich hoffe, in der CDu setzt noch Vernunft ein und es wird endlich ein vereinfachtes Steuersystem realisiert, wie es die Union vor 4 Jahren ja auch forderte. Ich hoffe, dass Westerwelle hart verhandelt und nicht schnell klein bei gibt. Sonst werden viele FDp Wähler schnell enttäuscht sein und das Hoch der Partei wird schnell wieder verblassen.

  1. Die grossen Themen, die die Grundlage unseres Wohlstandes und der Zukunft sind, fehlen wieder mal. Haben FDP und Union da keine Plaene?
    Das wuerde mich nicht ueberraschen, es haette hier aber wenigstens erwaehnt werden koennen, anstatt die Themen einfach wegzulassen.
    Nachdem in Folge der Pisastudie lange ueber Bildung debattiert wurde, ohne dass tiefgreifende Reformen zu Stande kamen (siehe Foederalismusreform), wird jetzt einfach nicht mehr drueber geredet. Das Thema wird totgeschwiegen und irgendwann wundert man sich dann, dass wohlhabende Eltern oeffentliche Schulen fuer ihren Nachwuchs grundsaetzlich vermeiden und eine Mehrheit der Renter verhindert, dass sich daran etwas aendert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Buker
    • 30.09.2009 um 10:13 Uhr

    ...und da interssiert das Geschwätz von gestern ja nun wirklich nicht mehr! Bildung und Wissenschaft?

    Da geben wir die Milliarden doch lieber für Banker und Rentner aus! Die einen haben gute Lobbyisten und einen direkten Draht ins Kanzleramt, die anderen stellen die Mehrheit der Wähler.

    Schon VOR der Wahl 2005 haben sowohl SPD als auch CDU eine Bildungsoffensive gefordert. Sie hatten alle Mehrheiten, allein der Wille ging verloren...

    • Buker
    • 30.09.2009 um 10:13 Uhr

    ...und da interssiert das Geschwätz von gestern ja nun wirklich nicht mehr! Bildung und Wissenschaft?

    Da geben wir die Milliarden doch lieber für Banker und Rentner aus! Die einen haben gute Lobbyisten und einen direkten Draht ins Kanzleramt, die anderen stellen die Mehrheit der Wähler.

    Schon VOR der Wahl 2005 haben sowohl SPD als auch CDU eine Bildungsoffensive gefordert. Sie hatten alle Mehrheiten, allein der Wille ging verloren...

  2. Ich bin in der Abendschule verprügelt worden...
    ...als ich erzählte ich hätte meine Freundin zur Wahl gedrungen, und sie hat FDP gewählt!
    Wer meint man könnte in old Germany etwas schnell verändern, der ist ein wenig weltfremd...
    ...gel, Guido?!
    Wirklichen Einfluss haben Banken, Versicherungen, Energiekonzerne und aus der Tradition heraus, die Automobilkonzerne!
    Und nicht eine Partei, erst recht nicht die FDP! *löle*

  3. Kann mir mal einer verraten warum im Gesundheitsbereich mehr Wettbewerb gefordert wird, aber die Preisabsprachen der Energiekonzern ignoriert/befürworten werden?
    Ich ahne schon wie das endet: Krankenkassenbeiträge steigen. Dafür bekommt man dann weniger Leistung (also alles wie gehabt);
    Steuersenkung geht nicht, da der Staat ja so hoch verschuldet ist (Wirtschaftskrise als Totschlagsargument); Mindestlöhne schaden der Wirtschaft und werden wieder abgeschafft (wäre auch zu schlimm wenn ein paar Zeitarbeitsfirmen pleite gingen). Generell kann man sich darauf einstellen, das sich für den Durchschnittsbürger nichts zum besseren wendet und der Sozialabbau noch zunimmt.

  4. Gerad eauf dem Feld der Arbeitsmarktpolitik und bei den Steuern sind Reformen überfällig. Ich hoffe, in der CDu setzt noch Vernunft ein und es wird endlich ein vereinfachtes Steuersystem realisiert, wie es die Union vor 4 Jahren ja auch forderte. Ich hoffe, dass Westerwelle hart verhandelt und nicht schnell klein bei gibt. Sonst werden viele FDp Wähler schnell enttäuscht sein und das Hoch der Partei wird schnell wieder verblassen.

  5. Z. B. hier Wikipedia.

    Kalte Progression bezeichnet den Umstand, dass wenn die Besteuerungsgrenzen nicht der Inflation nachgeführt werden, die Einkommenszuwächse, die der Inflation geschuldet sind, zu einer zunehmenden Mehrbesteuerung führen.

    Das, was die Autoren beschreibt, würde durch das 3-Stufensystem der FDP passieren: Ein Lohnempfänger, der knapp unter einer Steuergrenze war, würde nach einer Lohnerhöhung, die die Steuergrenze überschreitet, weniger ausgezahlt bekommen.

    Für solche Fälle gilt für den FDP-Vorschlag: Weniger Netto vom Brutto.

  6. @Autobahn München-Ulm:
    Das FDP-Stufensystem funktioniert so, daß nur der Teil des Einkommens, das über der Grenze liegt mit dem dazugehörigen Steuersatz versteuert wird. Verdient man also 20.050 Euro, so werden die ersten 8000 gar nicht, die nächsten 12.000 mit 10% und nur die restlichen 50 euro mit 25% versteuert. Ergibt in Summe 1212,5 Euro an Einkommenssteuer, im Gegensatz zu aktuell 1934 Euro (gemäß üblicher Gehaltsrechner).

    Man erhält auf jeden Fall bei einer Lohnerhöhung immer eine Erhöhung, nur wird diese gegebenenfalls stärker versteuert als das bisherige Einkommen.

    Ich würde Sie bitten, nicht nur Wahlkampfpolemik aufzufassen, sondern sich etwas mehr mit der Thematik auseinanderzusetzen, bevor Sie eine falsche Aussage treffen und verbreiten.

    Freundliche Grüße,
    Agonalia

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber möglicherweise haben Sie die Problematik der kalten Progression nicht verstanden: Im von Ihnen dargelegten Modell müssten die Stufen von 8000 und 20000 Euro jährlich valorisiert werden, beispielsweise anhand der Inflationsrate.

    Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber möglicherweise haben Sie die Problematik der kalten Progression nicht verstanden: Im von Ihnen dargelegten Modell müssten die Stufen von 8000 und 20000 Euro jährlich valorisiert werden, beispielsweise anhand der Inflationsrate.

  7. 8.

    Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber möglicherweise haben Sie die Problematik der kalten Progression nicht verstanden: Im von Ihnen dargelegten Modell müssten die Stufen von 8000 und 20000 Euro jährlich valorisiert werden, beispielsweise anhand der Inflationsrate.

    Antwort auf "nur überflogen?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich verstehe die Problematik der kalten Progression durchaus, und wäre im Falle jedweder Steuerreform sowieso dafür, daß die gezogenen Grenzen jährlich an die Inflationsrate angepaßt werden, so wie Sie das scheinbar ja ebenfalls sehen. Ohne eine solche im System verankerte Anpassung, und sei sie auch fünf-jährlich oder sonst irgendwie kontinuierlich, wäre eine Reform wieder nur auf Zeit gespielt mit Schielen auf die Mehreinnahmen durch Inflation.
    Aber ich wollte das übliche Mißverständnis des FDP-Steuerkonzepts einfach nicht im Raum stehen lassen. Dem letzten Absatz des Kommentars von Autobahn München-Ulm konnte ich auch beim besten Versuchen keinen Zusammenhang mit der kalten Progression entnehmen.

    Ich verstehe die Problematik der kalten Progression durchaus, und wäre im Falle jedweder Steuerreform sowieso dafür, daß die gezogenen Grenzen jährlich an die Inflationsrate angepaßt werden, so wie Sie das scheinbar ja ebenfalls sehen. Ohne eine solche im System verankerte Anpassung, und sei sie auch fünf-jährlich oder sonst irgendwie kontinuierlich, wäre eine Reform wieder nur auf Zeit gespielt mit Schielen auf die Mehreinnahmen durch Inflation.
    Aber ich wollte das übliche Mißverständnis des FDP-Steuerkonzepts einfach nicht im Raum stehen lassen. Dem letzten Absatz des Kommentars von Autobahn München-Ulm konnte ich auch beim besten Versuchen keinen Zusammenhang mit der kalten Progression entnehmen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service