Mit seinen einsamen Entscheidungen überraschte Dieter Althaus stets Freund wie Feind – und landete auch an diesem Montag erneut einen Nachrichtencoup. Nur wenige Tage nach seinem plötzlichen Rücktritt als Thüringens Ministerpräsident und CDU-Landeschef will der 51-Jährige wieder auf seinen Posten zurückkehren und in die Regierungsgeschäfte eingreifen. Bereits zuvor war bekannt geworden, dass er auch sein Landtagsmandat antreten will.

"Pflichtbewusst", so heißt es aus der Staatskanzlei in Erfurt, übernimmt er als geschäftsführender Regierungschef die Leitung der Kabinettssitzung an diesem Dienstag. Regierungssprecher Fried Dahmen versucht, die Rückkehr herunterzuspielen. "Was Althaus zu sagen hat, wird er dann alles erzählen." Die Entscheidung sei am Wochenende gefallen.

Dahmen verweist auf Artikel 75 der Landesverfassung. Darin heißt es, dass der Ministerpräsident so lange im Amt bleibt, bis ein Nachfolger gewählt ist. Daran ändert sich auch nichts, wenn er wie nun Althaus die Amtsgeschäfte an seine Stellvertreterin Birgit Diezel übergibt. "Sobald er die Staatskanzlei betritt – und sei es nur, um seinen Schreibtisch aufzuräumen – ist er wieder im Amt."

Erst verabschiedet sich Dieter Althaus Hals über Kopf durch die Hintertür in den politischen Ruhestand und jetzt klopft er wieder an, um im Chefsessel Platz zu nehmen.
Dieter Hausold, Fraktionsvorsitzender der Linken

Diezel, die auch die Verhandlungsgruppe bei den Sondierungsgesprächen mit der SPD übernimmt, wollte sich zu Althaus' Entscheidung nicht äußern. Überhaupt hielt sich die CDU angesichts der neuen Entwicklung bedeckt. Allein CDU-Landesgeschäftsführer Andreas Minschke erklärte: Althaus habe eine Auszeit genommen, stehe jetzt wieder bereit und wolle "für eine geordnete Übergabe sorgen". Das ändere jedoch nichts daran, dass er in einer Koalition mit der SPD nicht mehr für das Amt zur Verfügung stehe.

Bereits am Wochenende hatte die Ankündigung für Verwunderung gesorgt, dass Althaus sein Landtagsmandat antreten will. Auch diesen Schritt verteidigt Minschke mit Blick auf das Wahlergebnis. Althaus holte 54,2 Prozent der Erststimmen in seinem Wahlkreis im Eichsfeld und damit den besten Wert in Thüringen. Dass ein zurückgetretener Ministerpräsident im Landtag eine Belastung für die Partei und die Koalitionsverhandlungen darstellen könnte, sieht Minschke nicht.

Im Gegensatz zu den Christdemokraten waren die Aussagen aus den Reihen der Opposition eindeutig. SPD, Grüne und Linke reagierten mit Unverständnis. SPD-Chef Christoph Matschie nannte den Schritt "völlig unverständlich". Er rief die CDU auf, "schnell zu klären, wer die Fäden in der Hand hat". An der für Donnerstag geplanten Fortsetzung der Sondierungsgespräche werde sich nichts ändern. Ein führendes Mitglied der SPD sekundierte: "Er kann offenbar nicht loslassen und will bei seiner Nachfolge wohl noch ein Wort mitsprechen."

Für den Spitzenkandidaten der Linken, Bodo Ramelow, ergibt die Entscheidung von Althaus keinen Sinn. "Mit der Art seines Rücktritts hat er deutlich zu verstehen gegeben, dass er sich aus der Thüringer Politik zurückziehen will." Der Realitätsverlust sei offenbar gravierender als gedacht. "Wer so wie er gegangen ist, kann nicht ernsthaft denken, dass er wieder mitreden kann." Ramelow führt das auf die Folgen des schweren Skiunfalls am Neujahrstag zurück, als eine Frau starb und Althaus ein schweres Schädel-Hirntrauma erlitt. "Er muss sich jetzt die Zeit nehmen, um sich mit den traumatischen Folgen auseinanderzusetzen." Dieser Schritt offenbare die menschliche Tragik der Figur Althaus. "Da habe ich nur noch Mitleid."

Auch die Landessprecherin der Grünen, Astrid Rothe-Beinlich, äußerte Befremden. "Entweder ich trete von allen Ämtern zurück oder nicht. Was Althaus da macht, bleibt mir ein Rätsel." Die FDP wollte dagegen den Vorgang nicht überbewerten. "Es handelt sich um eine der letzten Sitzungen des alten Kabinetts", sagte Generalsekretär Patrick Kurth. "Vielleicht gibt Dieter Althaus seinen Ausstand."

Am vergangenen Donnerstag war Althaus "mit sofortiger Wirkung" von all seinen Ämtern in Land und Partei zurückgetreten und hatte damit die Konsequenzen aus der Wahlniederlage gezogen. Die CDU hatte bei der Landtagswahl am 30. August knapp zwölf Prozentpunkte verloren und nach zehn Jahren ihre absolute Mehrheit eingebüßt. Sie kann jetzt nur noch mithilfe der SPD weiterregieren.