Von Eva Bucher, Freiburg

Wenn wir von unserer Wahl sprechen, die uns die Krise lässt, schwingt in dieser schlichten Frage sehr viel mit: Pragmatismus, Hemdsärmeligkeit, aber auch ein wenig Furcht vor dem, was kommen wird und daher resignierter Trotz: es ist eine Frage, die die Krise personal nimmt und persönlichen Gefühlen Raum gibt. Zeitungen, Politiker und Kirchenmänner stellen sie in diesem Sommer ohne Unterlass und liefern die Antwort meist mit. Doch mit welchem Recht wird da von uns gesprochen und was sagt diese Rede aus?

Sie macht eine starke Annahme, die umso wirkmächtiger ist, je weniger sie offen zu Tage tritt: diese Frage behauptet implizit, dass die Kategorie der Gemeinschaft eine bereits ausgehandelte sei: wir müssen demnach nur noch entscheiden, welchen Weg wir gehen wollen. Wer wir sind, und dass es gut ist, dass wir uns im Angesicht der Krise wieder als Gemeinschaft wahrnehmen, wen wir also zu uns rechnen, scheint den Fragenden stets klar zu sein.

Doch genau darin liegt die Gefahr von Krisen und deren Verführung: sie verleiten zu Identifikationen, die bereits Stellung beziehen. So verdecken die allerorts gestellten Fragen nach "unserer Zukunft", "unserer Wahl" und "unserer Schuld" eine Leerstelle: dass noch überhaupt nicht geklärt ist, von wem die Rede ist und gegen wen dieses wir sich nämlich immer bereits stellt.

In solcher Rede des öffentlich geführten Diskurses sind wir eine vereinnahmte Gruppe unter einer jeweils bestimmten Perspektive: abhängig davon, wer gegenwärtig mit moralischem Impetus die Frage nach unserer Wahl stellt. Kirchen, Parteien, Lobbygruppen, streikende Studenten, NGOs sehen sich in der Rolle der unbequemen Fragenden und wissen bereits genau, wen sie auf welche Seite des Konflikts rechnen. Diese Grenzziehungen sind der Komplexität der Krise unangemessen und stehen meist in modernefeindlicher Tradition: wir gegen die Banker, wir gegen den Egoismus, wir gegen den Kapitalismus, wir gegen den Markt, wir gegen die Reichen, wir gegen die anonymen Fonds, wir gegen das steuerfreie Ausland. Die beschworenen Gegensätze lassen sich je nach ideologischer Schattierung beliebig fortschreiben; so unterschiedlich sie sind, sie haben eines gemeinsam: sie reagieren auf die Erfahrung der krisenhaften Wirklichkeit als einer fremdgesteuerten und gefährlichen Dynamik mit der Forderung nach mehr Moral in "unserer Gemeinschaft" und einer reflexhaften Beurteilung der Schuldigen. Es schallt daher von überall: "Bei uns mehr Solidarität im Kampf gegen die Krise!"

So spielt die Rede von einer Gemeinschaft, der die Krise widerfährt, mit den Mechanismen des Ressentiments: lässt man sich auf ihre Logik ein, dann liegt unsere Identität nur in dem, was wir bekämpfen. Diese Reaktion ist problematisch, und zwar für uns selbst: indem wir uns derart reaktiv im Geschehen verorten, sind zwar die Fronten scheinbar geklärt, jedoch um den Preis, den wirklichen Überblick in falschen Frontverhärtungen zu verlieren. Im Geiste dieser Perspektive auf eine nun wieder nachvollziehbare Wirklichkeit, bedient jene Sprache sich der diskursiven Techniken der Abwehr und der Metaphern des Kampfes: uns stehen in einem derartigen Bild von der krisenhaften Wirklichkeit undurchschaubare Mächte gegenüber, deren Protagonisten wir, gemäß dem Bild, nur noch besiegen müssen. Wer wir und wer die Anderen sind, scheint ja klar zu sein.

So verlangt diese Figur der Abwehr jeweils eine politische und ideologische Füllung, die im unausgewiesenen Wir-Gefühl von Feuilletonbeiträgen Platz findet. Gemeinschaft erscheint darin in der Folge meist als etwas fraglos Gutes. Sie wehrt dem Individualismus einer anonymen Moderne, welche als Wurzel des aktuellen Übels ausgemacht wird. Diese Gleichsetzung von Gemeinschaft und Moralität ist ideologisch sehr zweifelhaft. Sie ist nicht nur ein falscher Schluss, sondern bringt eine emotionale Dimension in den Diskurs, der Begriffen wie "Anonymität", "Gier" und "Arroganz" nun geforderte "Werte" und "Bescheidenheit" gegenüberstellt. Alle diese zwischenmenschlichen Kategorien spielen auf der Klaviatur der Gefühle und reagieren auf die Angst vor einer unkontrollierbaren Dynamik der Krise, indem sie fragmentarische Beobachtungen über die problematische Wirklichkeit zu nachvollziehbaren persönlichen Beziehungen psychologisieren: so wird nicht auf Aufdeckung wirtschaftlich-struktureller, politischer und juristischer Defizite gedrängt, sondern die Dynamik erst recht fortgeschrieben, da unsere Stellungnahme eine emotionale und reaktive ist. Das ist kein Wunder wenn der Ausgangspunkt unserer Weltbetrachtung die hoch emotionale und affektive Kategorie "Wir" ist.

Dieser Blick auf die vielen aktuellen Probleme, deren Undurchschaubarkeit sie für uns zu einer Krise auf mehreren Gebieten werden lässt, verkennt mehrere Dinge.