Politischer Essay Generation Turbo
Noch nie waren die Anforderungen an die Jugend so hoch wie heute. Doch in der Krise stellt auch der leistungsbereite Nachwuchs die Frage, ob Wachstum alles sein kann.
Von Johannes Schmidt, Lebach
Sehr geehrte Menschen,
"Rabits 09 - alte Hasen und Versuchskaninchen" – so lautet unser Abimotto. Im Zusammenhang mit dem Doppeljahrgang aus G8- und G9-Schülern ergibt das ein hübsches Wortspiel im Nagetierjargon. Doch hinter dieser Phrase stecken weit mehr als ein paar unterschiedlichaltrige Abiturienten, die es zeitgleich hinter sich haben – sie versinnbildlicht einen Jahrgang, wie er heterogener nicht sein könnte. Auf der einen Seite nämlich steht das auslaufende Gymnasium in neun Jahren, eine Schülergeneration, der Onkels und Tanten auf Familienfeiern auf die Schulter klopften und sie zur "schönsten und sorgenfreisten Zeit ihres Lebens" beglückwünschten. Und auf der anderen Seite das neue Turboabitur, eine Schülergeneration der Zukunft, deren von der Politik anvisierte Aufholjagd im Pisa-Kampf der Nationen von den Vokabeln Effizienz, Dynamik und Qualifikation begleitet wird. Gymnasiasten, das sind auf einmal nicht mehr die Glücklichen, die von allen am längsten in den Genuss kommen, mittags schon um zwei zu Hause zu sein – es sind die geschundenen Opfer nicht enden wollender Terrorschultage, denen vom Fußballverein über Muttis mit Liebe zubereitetem Mittagessen bis hin gar zur gesamten Jugend alles genommen wurde, was das Leben schön macht. Aber auch ohne all das Pathos und die dramatischen Worte, die immer wieder über diese Schulreform zu hören und lesen waren, kann man eines festhalten: In diesem Jahr startet erstmals eine Generation Schüler in das Berufsleben, der eine Leistungsmentalität in die Schultüte gepackt wurde, wie sie keinem Jahrgang der letzten Dekaden aufgehalst wurde: Die Zeiten sind schwer und unsicher, die fleißigen Chinesen ziehen mit dampfenden Maschinen an uns vorbei und alles was uns jetzt noch davor bewahren kann, dass uns auch noch die bildungspolitisch so großartigen Skandinavier die Nase lang machen seid ihr, die zukünftige Elite unseres Landes. Das bedeutet im Klartext: Juniorstudium ab der Oberstufe, drei Fremdsprachen fließend und, wenn es geht, zwischendurch noch ein Jahr ins Ausland. Aber es ist mehr noch als die Beschleunigung des Schullebens und damit der Jugend dieser jungen Menschen – es ist eine weitere Erscheinungsform der Leistungsgesellschaft, die immer zwanghafter Effizienz und Wachstum nacheifert. Die vorherrschende Wirtschaftskrise, selbst das Resultat eines durch Profitgier und Überspekulation kollabierten Finanzmarktes, kennt scheinbar nur eine Antwort auf das Schreckgespenst Rezession: Wie kriegen wir den Wirtschaftsmotor wieder in Gang? Wie treiben wir die Umsatzzahlen wieder hoch, so hoch wie vorher, höher noch. Schlussendlich dreht sich alles um die eine Frage: Wie bleiben wir, was wir sind oder zumindest gerne wären – am reichsten, am effizientesten, am qualifiziertesten?
Allabendlich bleckt in Nachrichtensendungen das Krisenungetüm in Form beunruhigend abfallender Kurven auf Wirtschaftsdiagrammen die Zähne des Zerfalls. Doch nicht auf allen Diagrammen bedeutet Talfahrt Depression: Das Umweltbundesamt, das auf der Zugspitze alle fünf Minuten die Luft auf ihre Zusätze untersucht, legt abfallende CO²-Intensitäten vor – erstmals seit Jahrzehnten wird die Luft wieder sauberer. Während die Bänder bei Opel still stehen und die Schlote nicht rauchen, entspannt sich der zwar vielbeschworene, aber wenigbekämpfte Treibhauseffekt. Und es zeigt sich: Während wir glauben gemacht werden, dass die Welt untergeht, verlängert sie in Wahrheit ihre Frist bis zum Kollaps – zumindest aus einem ökologischen Blickwinkel heraus. Und plötzlich drängt sich eine simple, aber ungeheuerliche Frage auf: Geht es auch ohne Wachstum und Beschleunigung?
Können wir auch glücklich sein, ohne dass wir die tollsten Zahlen vorlegen, die meisten Autos vor der Garage haben, ohne dass wir schon mit 20 topausgebildete Fachkräfte mit zwei Auslandssemestern und Vordiplom sind? Die sogenannte Glücksforschung beschäftigt sich seit langem unter wissenschaftlich-analytischen Gesichtspunkten mit der Frage, was den Menschen glücklich macht. Vertraut man auf die Durchhalteparolen der Wirtschaftsminister und Ökonomen dieses Landes, gibt es nur eine Antwort: Wachstum, Wachstum, Wachstum. Das bedeutet in der Praxis: Mehr Autos, mehr Fernseher, mehr Konsum für die Deutschen und die wenigen anderen Profiteure der immer noch extrem unausgeglichenen Wohlstandsverteilung dieser Welt. Doch genau dem widersprechen die Ergebnisse der Glücksforscher, die nach weltweit übereinstimmenden Studien als Gewissheit angesehen werden: Materielle Sättigung ist nur dann glücksfördernd, wenn es am Nötigsten mangelt – das zweite Auto hingegen ist nicht mehr annähernd so fröhlich stimmend wie das erste. Das hat dazu geführt, dass die Wirtschaftswunderjahre, die den Deutschen die ersten Fahrzeuge und Fernseher bescherten, die Zufriedenheit in der Bevölkerung deutlich in die Höhe schnellen ließen. Die Verdreifachung des Bruttoinlandsproduktes in den letzten dreißig Jahren hingegen, mit der verglichen die Wirtschaftswunderjahre der sechziger ein kurzer Aufwind waren, hat sich nicht zuträglich in der statistischen Zufriedenheit niedergeschlagen. Das kapitalistische Credo vom totalen Glück durch die totale Maximierung, das unser Denken bestimmt und unter anderem dazu führte, dass die eine Hälfte der hier anwesenden Ex-Schüler in den letzten Jahren noch weniger freie Nachmittage hatte als die andere Hälfte, weil alles, so auch die Schule, immer schneller und besser werden musste, ist zumindest aus menschlich-emotionaler Sicht widerlegt. Der diesem Denken zugrunde liegende Neoliberalismus wurde in den achtziger Jahren von US-Präsident Reagan und der britischen Premierministerin Thatcher als Antwort auf die stagnierende Wirtschaftsentwicklung vorangetrieben und stellte eine radikale Absage an den vermeintlich ruinösen und untragbaren Sozialstaat dar: Die Gesellschaft ist dem Markt untergeordnet, dieser wird sich selbst regulieren und für alles Nötige sorgen – aber er darf dabei nicht gestört werden und verträgt keine sentimentalen Zügel ethischer und politischer Vorbehalte. Diese Philosophie hat die Wirtschaftslehrbücher längst verlassen und die Gesellschaft durchwirkt, die in den Zeiten der Krise stärker denn je an der Realisierbarkeit des sozialen Gedankens zweifelt und auf die vielgepriesene Fruchtbarkeit des marktwirtschaftlichen Treibens hofft – der Rest wird sich schon regeln, wenn erst einmal alle Mäuler gestopft sind, so glauben viele. Und mit G8 wird das Neoliberale an diesem Tag auch im kleinen Saarland für jeden deutlich sicht- und spürbar.
Doch wir brauchen keine abstrakten Konjunktur- und Verschmutzungsdiagramme, um zu sehen, wie der neoliberale Geist unser gesellschaftliches Denken und Werten bestimmt: Wenn Dieter Bohlen, der so wahnsinnig reiche und erfolgreiche Poptitan, sein zahnpastawerbungsbleiches Gebiss in die Kamera hält, dann geht es immer nur um eines: Wer ist der Beste? Wer hält am meisten aus – physisch und psychisch, wie die Schikanierung der Kandidaten deutlich macht? Wer kann möglichst alle in einem Betätigungsfeld relevanten Fähigkeiten auf einmal zum Einsatz bringen? Das knallharte Vorstellungsgespräch wird zur Samstagsabendssensation. Es ist die Unterwanderung der Gesellschaft mit dem immer selben Motiv: Du bist nur etwas, wenn du etwas kannst – unabhängig davon, ob das Geleistete einen tieferen Sinn oder Nutzen hat oder, wie hier, einzig und allein möglichst großem kommerziellem Ertrag dient. Musik wird im Wesentlichen nur dann großflächig verbreitet, wenn sie massentauglich und systemunkritisch ist – alles andere findet kaum Gehör. Manager und Fachkräfte sind schon mit 40 vollkommen ausgebrannt, weil sie sich ihrer Karriere mit Haut und Haar verschrieben und von dieser dann ausgesaugt wurden – plötzlich folgen auf Ehrgeiz und Dynamik Depressionen und Kraftlosigkeit. Beinahe schon ironisch, dass ausgerechnet in unserem avantgardistischen "Power-Jahrgang" Thomas Manns "Buddenbrooks" gelesen wurden, die von einer Kaufmannsfamilie handeln, die an ihrer Expansions- und Prestigegier langsam erstickt ist. Körperlich wird der junggebliebene, sportliche und leistungsbereite Mensch vorgelebt, der neben Familie, Job und Freunden natürlich auch etwas für den gesunden und belastbaren Körper tut – denn das Alte und Kranke, das so sorgfältig aus der medialen Dauerbestrahlung zwischen Topmodels und Schönheits-OPs verbannt wird, ist dem großen Leistungsappart Deutschland ein Stachel im Fleisch. Und auch die Schule zieht nach, das humanistisch-künstlerische wird als Spielerei belächelt, während Förderungsangebote im wirtschaftlich-technischen Bereich wie Pilze aus dem Boden schießen und nur die eine Botschaft propagieren: Verschwende keinen Tag, sondern gib alles, was deiner Karriere förderlich ist. Es ist das pervertierte Carpe diem der Gegenwart. Lebensläufe spiegeln keine Menschen mehr wider, sie sind Masken, an denen, so wörtlich, "gearbeitet" wird, um sich so vorteilhaft und karrieristisch engagiert wie möglich zu inszenieren – übrig bleibt kein Mensch, sondern eine Maschine.
Wie kann unsere Gesellschaft umgestaltet werden, weg von Prinzipien, nach denen das Ehrenamtliche, Soziale und Häusliche, das in einer Arbeitsgesellschaft, wie Soziologen die unsere nennen, eher als nebensächlich und unbedeutend abgetan wird? Fakt ist, dass Wachstum für Unternehmen lebensnotwendig ist, da sonst die vor der Produktion anfallenden Kreditschulden nach dem Absatz der Produkte nicht mehr beglichen werden können. In diesem System sind wir zum Wachsen verdammt. Doch während die breite Masse der Ökonomen nur noch überlegt, wie diese labile Ordnung am Leben erhalten werden kann, gibt es auch Umdenker, denen andere Modelle, etwa über ein anderes Währungssystem, vorschweben, in denen wir nicht mehr zum grenzenlosen Wachsen genötigt sind – in denen produziert wird, was tatsächlich gebraucht wird, und in denen auch menschliche und vor allem ökologische Faktoren eine Rolle spielen. Denn was bringt es uns, wenn bald jeder Inder und Chinese ein deutsches Auto fährt, aber niemand mehr ohne Atemschutzmaske vor die Türe treten kann?
- Datum 23.09.2009 - 12:00 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Diesen Artikel würde ich am liebsten per Einschreiben an alle Bürger in diesem Land schicken. Leider geht er er selbst auf dieser Seite völlig unter.
Meine Generation der Anfang der 80er geborenen sind in ihrer Kindheit und Jugend, also mit ihrer Ausbildung genau diese Werte des lebensnotwendigen und immerwährenden Wachstums mitgegeben worden. Spätestens jetzt erreichen sie das Ende ihrer Ausbildung und stellen fest, dass dieses Denken weder sinnvoll noch durchsetzbar ist, um jetzt weiter zu kommen... Wer sich dann noch für die "Spielerei" eines humanistisch-künstlerischen Ausbildungswegs entschieden hat, kann sich nur noch in die hoffnungsvolle Vorstellung retten, dass die Zeiten schon kommen, in denen man es auch ohne Marketing, Management und Controlling, ohne dass man seine Seele verkauft und mit Anfang 40 am Ende seiner Kräfte ist zu etwas bringen kann.
Die Geschichte hat leider gezeigt, dass wir unser Handeln meistens erst dann hinterfragen, wenn wir dazu gezwungen werden, wenn etwas richtig katastrophales passiert, das niemand ignorieren kann. Momentan versuchen wir, unsere Unsicherheit mit einem Lächeln zu überspielen, die Krise einfach auszusitzen. Wir werden es einmal teuer bezahlen, dieses ignorante Lächeln.
Wenn ein junger Mensch solch tiefe Einsichten haben kann, bereitet mir das große Freude. Das Geistige wird an Stellenwert gewinnen, da bin ich mir sicher.
Leider war auf dieser Seite nicht mehr über den Autor, seine Schule und den ursprüngliche Anlass seiner Rede zu erfahren...
Ich habe diesen Text anlässlich meines Scheffelpreises zum Abitur dieses Jahr verfasst - und als ich dann von dem Essaywettbewerb las, nahm ich einfach teil, mehr als den fertigen Text einschicken musste ich ja nicht.
Aber es freut mich zu lesen, dass der Text soviele Menschen anspricht. Auch damals nach der Abifeier kamen viele Menschen auf mich zu und trieben mir die Verlegenheit ins Gesicht mit ihrer Begeisterung.
Aus dieser Verlegenheit ist gestern allerdings Zornesröte geworden, als ich sah, wie dann wohl knapp 50% - repräsentativ betrachtet - der stehend ovatierenden der Abifeier sich für die liberal-konservative Das-wird-sich-schon-alles-richten-wenn-nur-die-Wirtschaft-wieder-brummt-Lüge entscheiden und damit vollkommen dem widersprechen, was ich ihnen "von der Seele geredet habe". Beinahe niemand hat mir damals widersprochen oder den Grundgedanken der Rede damals zur Disposition gestellt, im Gegenteil, und nun wählen sie das glatte Gegenteil - mir klappt die Kinnlade runter, wenn ich sehe, dass die Lämmer, deren Schlachtbank zusammengekracht ist, jetzt den Tischler wählen, der "Ich bau euch eine neue" auf den Plakaten stehen hat.
ich bin völlig einverstanden, mit dem hier Gesagten.
Dennoch: mir fällt spontan der Werbespot von Apple ein, 1984, in dem alle wie gebannt auf "den grossen Anführer" starren, unfähig, selber zu denken und zu handeln.
Ist es nicht auch heute so, dass -auch bei den Abiturienten, der "Elite des Landes"- viel zu viele das eigene(!) kritische Denken und Handeln gar nicht gelernt haben, gar nicht fähig dazu sind? Trotz G8/G9.
Es sind eben immer nur Wenige, die die Fähigkeit besitzen, Vorreiter zu sein. Da spielt der Schulabschluss keine Rolle. Das war bei uns vor 40J so, und das wird auch in Zukunft nicht anders sein.
Dennoch: alles etwas mit mehr Abstand betrachten, sich nicht einwickeln lassen in das Geschwätz, was richtig oder falsch sei, und lieber auf seinen Bauch hören. Das machen, was man selbst(!) anstrebt. Nur so wird man später die langen Berufsjahre auch Freude haben.
Kompromisse muss man im Leben ständig machen! Auch das sollte einem stets bewusst sein.
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