Von Hadmar von Wieser, Salzburg

"Wir haben keine Wahl!" Das ist die Stimmung jeder Krise; ob in Ehe, Wirtschaft oder Evolution, ob in Midlife Crisis, Energiekrise oder Klimakrise.
Ich behaupte das Gegenteil: Im Erfolg haben wir keine Wahl. Die Krise jedoch lässt uns jede Wahl. Sie halten das für paradox?
Dann versuchen Sie einmal während der Hochkonjunktur den Kapitalismus abzuschaffen. Protestieren Sie gegen einen Manager, wenn er die besten Wirtschaftsdaten der Firmengeschichte liefert. Rebellieren Sie gegen einen Heerführer, während er von Sieg zu Sieg eilt.
Wenn ein System jedoch in eine Krise stürzt und sich überall Mängel und Verluste zeigen, dann können Sie alles zur Wahl stellen: Sie können Grundwerte anzweifeln und die absurdesten Alternativen anbieten.
Es ist Eigenschaft der Krise, dass wir in ihr wählen. Das griechische Verb krínein bedeutet trennen oder unterscheiden. Krise und Kritik heißen Entscheidung, Urteil, also eine Wahl.
Das Wörterbuch definiert Krise als "Höhe- oder Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung". Es ist der Augenblick, wo wir uns entscheiden MÜSSEN. Und wir haben viel mehr Wahlmöglichkeiten als wir zunächst sehen.

1. Die innere Emigration
Der Nichtwähler verweigert. Biedermeier, Fin de Siecle, Jugendstil, Cocooning. Es handelt sich um eine typische Reaktion zu Beginn einer Epoche: Für die Kreativen und Mächtigen ist der Gedanke, ein Jahrhundert gestalten zu müssen, beängstigend; das liegt so deutlich über der eigenen Lebenserwartung, dass selbst die unternehmungslustigsten Künstler, Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer ins Zaudern kommen.
Also flüchtet das innere Kind in die Kindheit zurück: Die Welt ist kompliziert, politisches Engagement ist sinnlos, Geborgenheit verspricht nur das Bewährte. Die Musik wird recycelt, ob als Romantik oder als Sampling. Die Kunst kehrt zum Altbewährten zurück, ob man es nun Klassizismus nennt oder im Kino nur mehr dritte Teile früherer Blockbuster laufen.

2. Finde den Schuldigen!
Wenn ich persönlich ein Problem habe, suche ich eine Lösung, aber keinen Schuldigen. Zugegeben, manchmal besteht die Lösung darin, den Verursacher zu identifizieren und davon abzuhalten, das Problem weiter zu verursachen. Aber für viele Menschen scheint das Finden eines Schuldigen erste Wahl zu sein, ja sogar einzige Reaktion.
Die Psychologie nennt das Verdrängung oder Projektion: Das Ego entscheidet sich, alle Verantwortung zu verweigern und sie jemand anders zu übertragen.
In einer Weltwirtschaftskrise können wir die Schuld den Banken zuzuweisen. Oder den Politikern. Oder den Juden. Was für eine Erleichterung, so etwas Verwirrendes wie die Weltwirtschaft auf einen kleinen Kreis krummnasiger Bösewichte zu reduzieren, praktischerweise auch noch durch so plakative Namen wie Goldblum und Rosenberg identifizierbar.
Paranoia entlarvt sich bei näherem Zuhören stets als narzisstische Selbstüberhöhung. Wer eine Verschwörungstheorie wählt, erlebt sich nicht mehr als hilflose Randfigur, sondern als Zentrum der Welt: einerseits als auserwähltes Opfer des Bösen, andererseits aber als einzig Wissender in einer Welt nichtsahnender Schafe.
Deswegen arbeiten nationalistische Bewegungen auch immer mit Stolz und Feindbild: Man selbst ist ja Herrenrasse, auserwähltes Volk oder Land of Liberty. Wenn die eigenen Leistungen trotzdem nicht perfekt sind, kann das nur Schuld des Erbfeindes sein.

3. Der starke Mann
Für die Griechen und Römer war klar, dass Demokratie bzw. Republik die beste Regierungsform für Friedenszeiten war. Doch in der Krise musste ein Alphamann her: Tyrann und Diktator sind ursprünglich Ämter, die das Volk einer vertrauenswürdigen Person anbietet.
Wir haben die Wahl, unseren Kommissaren in Brüssel die Macht zu übertragen, im Alleingang mit gierigen Megakonzernen und kollabierendem Rentensystem aufzuräumen. NRW kann die Unabhängigkeit ausrufen und alle Verpflichtungen nach außen aufkündigen. Warum nicht Auto- und Ölindustrie enteignen und auf alle Arbeitslosen Europas aufteilen?
Unsere Geschichte lehrt uns, dass diktatorische Maßnahmen, ob nützlich oder wahnsinnig, einen entscheidenden Nachteil haben: Das Volk kann nichts dagegen unternehmen.
Aber dennoch haben wir die Wahl: Wir können ernsthaft solche Alternativen erwägen und uns dann zu unser aller Sicherheit dagegen entscheiden.

4. Die Krise als Chance wahrnehmen
Ein Massensterben bedeutet für die Überlebenden immer eins: mehr Raum zur Entfaltung. Für uns Säugetiere war die globale Krise der Dinosaurier der große Glücksfall. Für die Germanen war der Untergang des Römischen Imperiums Beginn der Geschichte. Vielleicht wäre es für Europa wünschenswert, wenn die USA unter ihrer Dollar-Öl-Kriegs-Politik kollabiert? Vielleicht beneiden wir in 20 Jahren die Schweiz, weil sie sich davor geschützt hat, global vernetzt zu sein? Vielleicht ist Tunesien in 50 Jahren das reichste Land – so wie einmal so unwahrscheinliche Länder wie Portugal oder Holland die Weltmeere beherrschten?

5. Die Umbesinnung
Was wir derzeit als extrem bedrohlich erleben, können wir auch optimistisch, zynisch oder relativ betrachten.
Während der angeblichen Wirtschaftskrise haben sich Hunderttausende ein neues Navigationsgerät zugelegt, von dem 1979 nicht einmal James Bond träumen konnte. Es gibt zweifellos mehr Arbeitslose; aber der typische deutsche Arbeitslose leidet auf einem Niveau, das für 80 Prozent der Weltbevölkerung ein paradiesischer Zustand wäre. Die Streiks und Proteste, die uns erschüttern, erschienen den meisten Völkern der Welt als Phase kostbaren Friedens.
Kein Analyst spricht davon, dass die Kursverluste an der Wall Street uns nur den Zuwachs seit 2000 gekostet haben; dass der Dow Jones zur Zeit der Beatles bei 1.000 stand und in dieser Krise auf 10.000 gefallen ist; dass Börsenkurse keine greifbaren Werte, sondern Gerüchte über einen Wert sind.
Krisen sind fast immer Ergebnis unrealistischer Erwartungen: Wir halten es für unser Recht, jedes Jahr mehr zu verdienen als im Vorjahr. Wir haben uns in einen Wahn aus Fortschritt und Wachstum hineingesteigert, in dem ein Jahr ohne Wirtschaftswachstum als Zusammenbruch des Systems gilt.
Die Natur führt uns in jedem Augenblick vor, dass auf einen Sonnenhöchststand ein Sonnenuntergang folgt, auf einen Sommer ein Winter, auf die Reife das Altern, auf jede Warmzeit eine Eiszeit.
Vieles an unserer Krisenangst hat mit Unreife zu tun: der Teenager, der seine Welt untergehen sieht, wenn er erstmals mitarbeiten muss; der Mann in der Midlife Crisis, der denkt, er bleibe ewig körperlich und sexuell so leistungsfähig; die Frau, die mit 40 das Ende ihres Lebens beklagt, obwohl sie noch nicht einmal die Hälfte ihrer Lebenserwartung erlebt hat.