Abgestempelt kamen sie sich vor, die Roma, denen vor einer Woche während einer Polizeikontrolle ihres Lagers bei Villabé (Corbeil-Essones), eine knappe Dreiviertelstunde von Paris entfernt, ein Zeichen in abwaschbarer Farbe auf den Handrücken gedrückt wurde. Hatten ihre Vorfahren nicht das Gleiche unter den Nazis erlebt? Es dauerte daher nicht lange, bis daraus ein Skandal wurde, der den in Brasilien reisenden Immigrationsminister Eric Besson zu einer Distanzierung veranlasste.

Die Geschichte dahinter ist einer der typischen Konflikte um die Migration in Frankreich, wie er auch anderswo auftreten kann.

Seit mehr als einem Jahr kampieren etwa 100 Roma in einem Wäldchen abseits der Dörfer und Kleinstädte der Region. Das wäre den übrigen Anwohnern nicht weiter aufgefallen, wenn nicht allerlei Abfall die Essone hinabtreiben würde, einen Nebenfluss der Seine. Wer sich näher für das Lager interessierte, kam auch nicht umhin, die Abwesenheit von Strom und Kanalisation zu bemerken, und natürlich gibt es auch einen Ort im Gelände, der als Toilette dient.

Also fanden sich eines Tages Nachbarn, die sich beschwerten, sowie Polizisten, die kontrollierten. Bis dass den Campern bedeutet wurde, sie müssten Frankreich verlassen, wenn sie keine feste Arbeit nachweisen könnten - so will es das Gesetz. Schließlich wurde die Mehrheit der Bewohner ausgewiesen. Aber sie blieben.

Und wurden nun kontrolliert. Um sich die Sache einfach zu machen, verfiel die örtliche Polizei auf ein recht praktisches Verfahren, das die Beamten von Diskobesuchen kennen und sicherlich für harmlos hielten: Jeder Kontrollierte wurde gestempelt. Doch nicht alles, was Polizisten harmlos finden, ist es auch. Im geschichtlichen Kontext wird aus dem Zeichen ein Mal, und daraus ein düsteres Symbol.

Der nunmehrige Skandal, der mangelndes Geschichtsbewusstsein enthüllt, verdeckt freilich das tiefer liegende Problem. Das Land, dessen Immigrationsminister zugleich für die "nationale Identität" zuständig ist, kann sich mit der Völkerwanderung in und nach Europa nicht abfinden. Da mag sich Eric Besson, Ex-Sozialist und nunmehr Sarkozyst, vom Abstempeln der Roma noch so sehr distanzieren, die dahinter liegende Praxis des Abschiebens jener, die dem Wähler der Rechten unheimlich sind, muss er kraft Amtes betreiben.