Sigmar Gabriel und Franz Müntefering: Der alte SPD-Chef und sein Nachfolger? © Sean Gallup / Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Walter, haben wir am 27. September den Tod der Volkspartei SPD erlebt?

Franz Walter: Mit 23 Prozent ist man noch nicht gestorben. Die SPD existiert, sie wird auch in 20 Jahren noch existieren. Aber es gibt wenig Hinweise, dass sie sich als Volkspartei regenerieren wird. Als solche scheint sie mir tatsächlich abgedankt zu haben.

ZEIT ONLINE: Muss sich die SPD also künftig auf 20-Prozent-Ergebnisse einstellen?

Walter: Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Einerseits haben wir die Erfahrung, dass der deutsche Föderalismus Parteien schnell aus Krisen herausholt. Nach einem Regierungswechsel werden die neuen Regierungsparteien oft auf Landesebene abgestraft. Und die in der Opposition kommen wieder nach oben. Insofern kann es sein, dass bei den nächsten Landtagswahlen die SPD keineswegs so schlecht abschneidet. Dann wird man sagen, die apokalyptischen Prophezeiungen vom Niedergang seien Hirngespinste von irgendwelchen Universitätsprofessoren und Journalisten.

ZEIT ONLINE: Andererseits ...?

Walter: Schaut man ins Ausland, stellt man fest: Die Sozialdemokraten schmieren tatsächlich – genau wie übrigens die Christdemokraten – in allen Teilen Europas ab. Sie sind inzwischen eben nicht mehr 40- oder 30-Prozent-Parteien, sondern fast überall um die 20 und darunter. Das wird eher die Größenordnung der Zukunft sein.

ZEIT ONLINE: Welcher Verlust trifft die SPD am ärgsten? Sie büßte bei mehreren Stammwähler-Gruppen massiv ein. Bei den Erstwählern zum Beispiel ist sie kaum mehr stärker als die FDP. Dabei war die SPD doch seit Jahrzehnten die deutsche Jugendpartei schlechthin. Auch bei Arbeitern, Ostdeutschen und Frauen brach sie um rund 15 Prozentpunkte ein.

Walter: Wäre ich Generalsekretär, würden mich die Jugendlichen am wenigsten beunruhigen. 2005 hatte die SPD hier noch am besten abgeschnitten. Das zeigt: Hier ist die Bindung geringer, es geht erratischer zu.

ZEIT ONLINE: Was ist mit den Frauen? Sind die auch so sprunghaft?

Walter: Nein. Das sind längerfristige Trends. Bis in die frühen siebziger Jahre waren Frauen mehrheitlich eher konservativ und kirchlich gestimmt – und haben meist CDU gewählt. Danach gab es einen Wandel: Bis 2005 war Rot-Grün bei den Frauen noch mehrheitsfähig. Nun hat sich wieder etwas geändert. Bei den Männern unter 60 Jahren kam die CDU nicht mehr über 30 Prozent, anders bei den Frauen, gerade bei den jüngeren. Offenbar hat die Kanzlerin auf der Gender-Ebene die Proportionen neu verteilt. Ich denke, dass der Spott der SPD, Merkel sei führungsschwach, dazu beigetragen hat.

ZEIT ONLINE: Die Frauen haben sich mit Merkel gegen die SPD-Machos verbündet?

Walter: Genau. Die SPD dröhnte: Führung heißt Mann – und Faust auf den Tisch. Seht euch die Frau an, die kann's nicht! Das war ein Teil eines wirklich verheerend falschen Wahlkampfs.