Erstwähleranalyse (2)

Der Wähler, eine aussterbende Spezies

Wen wählen die Erstwähler? Wählen sie überhaupt noch? Was sind zeitgenössische Alternativen? Rechtsextreme? Piraten? Antworten von Michael Schlieben

Am Donnerstag erschien der erste Teil der Erstwähleranalyse. Darin zeigte sich u.a., dass die Linkspartei bei Erstwählern weniger populär ist als in den übrigen Altersklassen. Die deutsche Protest-Partei Nummer eins ist, was ihre Wähler- und Mitgliederstruktur angeht, eine Rentnertruppe. Hier die Fortsetzung:

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Was also sind die frischen politischen Alternativen, wenn es die Linke nicht ist? Auffallend hoch ist in der Jungwähler-Umfrage der Bundeszentrale für politische Bildung der Anteil der "Sonstigen Parteien". Elf Prozent der Unter-25-Jährigen wollen eine Partei abseits der etablierten fünf wählen. In allen anderen Altersklassen erhalten die Sonstigen maximal fünf Prozent. Dies ist zum Teil der Popularität geschuldet, die die rechtsextremen Parteien bei den Erstwählern genießen (zu denen später mehr). Außerdem verbirgt sich hinter den elf Prozent für die "Sonstigen" auch ein gewisser Prozentsatz für die neuste Werberin auf dem Parteienmarkt.

Freibeuter im Parteiensystem

Die Piraten, diese paneuropäische Bewegung, passen womöglich wirklich besser zum Lebensgefühl der jungen Wähler-Generation als die alte Linke. Die heutigen Erstwähler sind mit dem Computer groß geworden, sie informieren sich fast ausschließlich über das Internet, für sie ist es der zentrale Ort der politischen Meinungsbildung. Das gaben 83 Prozent der Erstwähler in einer repräsentativen Umfrage im Auftrag von t.online an. (Bei den Über-30-Jährigen bezeichnet bloß jeder zweite das Internet als sein Leitmedium.) Eine emnid-Erhebung hat andere Zahlen, aber einen ähnlichen Trend ermittelt: Hier hat das Internet für die Jungwähler eine dreimal so hohe Bedeutung für die politische Entscheidung wie für alle anderen Altersgruppen.

Nun, keine andere Partei ist so aktiv, so professionell im Internet wie die Piraten. Kein Wunder, sie fokussieren sich ja auch fast gänzlich darauf. Zu vielen Themen haben sie keine Haltung, was man im Wahl-O-Mat gut nachvollziehen kann. Die Piraten wollen das Internet frei von Zensur halten. Das treibt sie an, das mobilisiert sie. Und wie oft, wenn eine neue Partei Zulauf findet, erkennen die etablierten, dass sie etwas verpasst haben. Sie sehen bei der neuen Konkurrenz andere, zeitgemäße Umgangsformen, andere Eliten, eine andere Sprache, die sie nun teilweise zu imitieren versuchen.  

Seriöse Aussagen über das Wahlpotenzial der Piraten finden sich kaum, schon gar nicht in einzelnen Altersklassen. Ein Wahlforscher sagt, bei den Unter-30-Jährigen hätten drei Prozent die Absicht, die Piraten zu wählen, noch mal so viele ziehen es in Erwägung – das Jung-Wählerpotenzial liegt also bei etwa sechs Prozent. Er bittet darum, nicht namentlich zitiert zu werden. (Das war 2005 bei der Linken ähnlich, da Umfragen auf historischen Trends beruhen: Neue Parteien sind ähnlich unkalkulierbar wie Erstwähler.)

Nicht von ungefähr recherchieren namhafte Parteienforscher derzeit eifrig über das Piraten-Phänomen. Sechs Prozent klingt mickrig, bedenkt man aber, dass es sie vor ein paar Monaten noch gar nicht gab, ist das eine ganze Menge. Im Januar trat die Partei in Hessen zum ersten Mal zu einer Wahl in Deutschland an, seither wächst sie explosionsartig. Im August gewann sie 80 neue Mitglieder pro Tag.

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Leser-Kommentare

  1. "In Sachsen machten SPD und Grüne das Bekämpfen der NPD zum Hauptwahlkampf-Thema. Offenbar wurden die Postfaschisten dadurch bloß zusätzlich aufgewertet."

    Genau das habe ich schon vor geschrieben, als die NPD das erste Mal in den Landtag von Sachsen einzog.

    Damals machte ich den massiven Kampf gegen Rechts mitverantwortlich dafür und die Forderungen nach Internetzensur, wie sie ein Herr Büssow und Herr Schütte - beides deutsche Beamte - forderten.

    Kurze Zeit später erhielt ich eine Vorladung zur Polizei, da Herr Schütte mich verklagte, ich hätte ihn beleidigt und verleumdet mit meiner der freien Meinungsäußerung unterliegenden Aussage, dass die Aktionen der Bezirksregierung Düsseldorf und der politischen Parteien - insbesondere auch das gescheiterte Verbotsverfahren - und damit auch diese Herren für den Erfolg mit verantwortlich seien.

    Selber wollen sie Demokraten sein, doch Widerspruch und Zweifel an ihrem Kurs die rechtsradikalen Verführer zu bekämpfen lassen sie nicht zu.

    Schön zu sehen, dass das Umdenken mittlerweile auch in den linken Mainstreammedien Einzug hält, wirklich schön.

    Schade ist nur, dass man sich als derjenige, der dies schon vor mehreren Jahren konstatierte mit dem Rechtsstaat auseinandersetzen muss, um solche Meinungen bereits im Vorfeld eines gesellschaftlichen Wandels zu kommunizieren.

    Das stärkt nicht gerade das Vertrauen in die gegenwärtigen Politiker und Eliten in deutschen Amtsstuben.

  2. "Die Um- die-30-Jährigen wohnen oft nicht mehr zu Hause, kennen womöglich ihr neues Wahllokal gar nicht."

    Was ist dass den für ein bescheuertes Argument für geringe Wahlbeteiligung?

    mfg,
    pinga.

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    Aus rationalen Gründen geht kaum einer Abstimmen oder Wählen, da jeder Stimmbürger weiss, dass seine einzelne Stimme als eine unter vielen eh so gut wie keinen Einfluss aufs Endergebnis hat. Wenn man dann erst noch das Wahllokal suchen muss, steigen die Kosten (dazu gehört etwa Zeit und Mühe, die man aufwendet, um die Astimmungsvorlagen und Wahlprogramme zu studieren und die Wahl- und Abstimmungszettel auszufüllen) extrem an, v.a. angesichts des sehr geringen Nutzen des Einzelnen aus einem Wahlgang oder einer Abstimmung. Wenn man also erst ein Wahl- und Abstimmungslokal suchen muss, kann das wirklich Leute davon abhalten, Abstimmen oder Wählen zu gehen.
    Leute gehen (ausser wenn das Stimmvolk klein ist und die Stimme des Einzelnen viel zählt), nie aus rationalen Gründen, sondern eher, weil es sich halt so gehört, aus Tradition, aus ideologischen Gründen, aus sentimentalen Gründen, weil sie interessiert sind...

  3. ... das eigentliche Problem der jungen Generation ist. Auch wenn es etliche Jungwähler geben mag, die an ihr zweifeln, ist das für mich eher ein Ausdruck dafür, dass sie das Gefühl haben nichts bewirken zu können - selbst wenn sie ihre Stimme abgeben würden (und dieses Gefühl ist ja zum Teil mMn. auch berechtigt). Auch gibt/gab es bisher nur sehr wenige wirkliche Alternativen zu den etablierten Parteien, in denen sich viele junge Leute - nicht nur personell, sondern auch inhaltlich - nicht repräsentiert sehen, wieso sollten die also zur Wahl gehen (denken sie).

    • 18.09.2009 um 12:32 Uhr
    • Arya

    Der Rückschluss vom Nicht-Wählen auf's Nicht-Engagiert-Sein ist ein gängiger aber haltloser: Die Tatsache, dass jemand nicht wählt, liegt des öfteren darin begründet, dass er oder sie niemanden findet, der dem eigenen Interesse entspricht. Immer nur das kleinste Übel zu wählen, das ist wirklich frustrierend! Da bleibt der eine oder die andere dann aus Protest zuhaus, obwohl bekannt ist, wo das Wahllokal ist...

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    Sehr zutreffend:
    Auch fuer mich gab es dieses Jahr lediglich 3 Moeglichkeiten:

    CDU/FDP - Auf keinen Fall ein Lafontaine. Herr Steinmeier in allen Ehren, aber noch eine grosse Koalition wird nicht ueberleben und nach spaetestens 2 Jahren zugunsten von Rot-Rot-Gruen abgesaegt.

    Piraten - Sie haben zu vielem keine Meinung, die habe ich ebenso wenig, von Wirtschaft verstehe ich nicht genug (Was ich mittlerweile auch von unseren Herren Politikern denke - inklusive und besonders Herrns Guttenberg) ABER Wenigstens zu den Themen, die mich interessieren haben sie eine: Bildung, Datenschutz, Freie Forschung

    Nichtwaehlen - Ich kann mich mit keiner der etablierten Parteien auch nur halbwegs identifizieren. Einen zusaetzlichen Tiefschlag versetzte mir Frau Merkel mit ihrer Weigerung einen inhaltlichen Wahlkampf zu fuehren. Schliesslich bin ich nicht fuer Frau Merkel sondern fuer eine gewisse Politik in Deutschland.
    Aber ich kann es nur immer wieder wiederholen: Waehlen ist wie Zaehneputzen - Tut mans nicht wirds braun.

    Wie ich mich am Ende entschlossen habe PER BRIEFWAHL (Soviel zum Thema Wahllokal - Wunderbar per Internet beantragt) abzustimmen, damit moechte ich sie alle geneigte Leser, nicht belaestigen.

  4. Ich habe alles versucht, es hat sich durch meine Wahlen nichts geändert, egal wer an die Macht kam.

    Meine Konsequenz ist daher nicht: Nicht wählen, sondern wählen! Aber nur noch kleine Parteien.

    Jede Stimme für die kostet die großen Parteien Wahlkampfkostenerstattung.

    Da tut es ihnen weh!

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    Ich stimme hier mit Ihnen vollkommen überein. Ob das die Erstwähler oder Nichtwähler auch so sehen, bleibt aber fraglich. Diese (negative) Erfahrung musste ich jedenfalls allzu oft in Gesprächen feststellen.

    • 18.09.2009 um 12:47 Uhr
    • Puzi

    Sehr zutreffend:
    Auch fuer mich gab es dieses Jahr lediglich 3 Moeglichkeiten:

    CDU/FDP - Auf keinen Fall ein Lafontaine. Herr Steinmeier in allen Ehren, aber noch eine grosse Koalition wird nicht ueberleben und nach spaetestens 2 Jahren zugunsten von Rot-Rot-Gruen abgesaegt.

    Piraten - Sie haben zu vielem keine Meinung, die habe ich ebenso wenig, von Wirtschaft verstehe ich nicht genug (Was ich mittlerweile auch von unseren Herren Politikern denke - inklusive und besonders Herrns Guttenberg) ABER Wenigstens zu den Themen, die mich interessieren haben sie eine: Bildung, Datenschutz, Freie Forschung

    Nichtwaehlen - Ich kann mich mit keiner der etablierten Parteien auch nur halbwegs identifizieren. Einen zusaetzlichen Tiefschlag versetzte mir Frau Merkel mit ihrer Weigerung einen inhaltlichen Wahlkampf zu fuehren. Schliesslich bin ich nicht fuer Frau Merkel sondern fuer eine gewisse Politik in Deutschland.
    Aber ich kann es nur immer wieder wiederholen: Waehlen ist wie Zaehneputzen - Tut mans nicht wirds braun.

    Wie ich mich am Ende entschlossen habe PER BRIEFWAHL (Soviel zum Thema Wahllokal - Wunderbar per Internet beantragt) abzustimmen, damit moechte ich sie alle geneigte Leser, nicht belaestigen.

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    @Puzi   johaupt

    "Waehlen ist wie Zaehneputzen - Tut mans nicht wirds braun"

    Was natürlich noch nie jemand belegen konnte. Ein uraltes und vermutlich falsches Argument um die Leute mit Drohungen an die Urne zu treiben. Man könnte vermuten, dass radikale Parteien ihre Anhänger besser mobilisieren können, aber das hätte auch nur dann eine Wirkung, wenn die frustrierten Fernbleiber tatsächlich nur etablierte Parteien gewählt hätten, was aber niemand weiß.

  5. "...dass nur noch 46 Prozent der Erstwähler der Frage zustimmen, ob die Demokratie die beste Regierungsform ist..."

    Sowas passiert, wenn man unser repräsentatives System ständig als die beste aller denkbaren Demokratien anpreist und als alternativlos (was sie natürlich nie war). In wirklichkeit ist sie, mit viel Augen zudrücken und guten Willen, allenfalls eine mehr schlecht als recht funktionierende Minimaldemokratie und Auswege gibt es genug, entweder in historisch/diktatorische Konzepte oder in eine Verbesserung...

  6. 8. @Puzi

    "Waehlen ist wie Zaehneputzen - Tut mans nicht wirds braun"

    Was natürlich noch nie jemand belegen konnte. Ein uraltes und vermutlich falsches Argument um die Leute mit Drohungen an die Urne zu treiben. Man könnte vermuten, dass radikale Parteien ihre Anhänger besser mobilisieren können, aber das hätte auch nur dann eine Wirkung, wenn die frustrierten Fernbleiber tatsächlich nur etablierte Parteien gewählt hätten, was aber niemand weiß.

    Antwort auf "Das kleinste Uebel"
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    Da bereits ein Ungleichgewicht in der Wahlbeteiligung reichen wuerde - why taking chances? Des weiteren erscheint mir die Wahrheit des Sprichworts wahrscheinlicher als die Unwahrheit, denn zumindest eines haben die Braunen: Disziplin.

    Eine weitere Moeglichkeit mit der Sie den Politikern zeigen koennen, dass Sie unzufrieden mit ihrer Arbeit sind: Waehlen aber ungueltig machen. Diese Zahl wird ebenfalls erfasst und zeigt eindeutig, dass Sie nicht uninteressiert sind (Schliesslich sind Sie ja auch hier), aber keine Wahl haben (bloedes Wortspiel, aber es laesst sich nicht vermeiden).

    "Waehlen ist wie Zaehneputzen - Tut mans nicht wirds braun"

    Nicht nur nicht zu belegen-es wird nicht nur braun, sondern schwarz. Bei sinkender Wahlbeteiligung hat immer die CDU die Oberhand gewonnen, die mit einer großen treuen Stammwählerschaft aus Rentnern und anderen Konservativen ihrer Stimmen sicher scheint.
    Für mich ist das der beste Grund, wählen zu gehen.

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