Wähleranalyse (1) Wen die Jungen wählen

Dürften diesmal nur die Erstwähler an die Urnen, hätte Schwarz-Gelb schon verloren. Allerdings: Auch die SPD kommt auf historisch schlechte Werte. Eine Analyse von Michael Schlieben

Die Parteien buhlen um die Jungwähler - in der Hoffnung, sie als künftige Stammwähler zu gewinnen.

Die Parteien buhlen um die Jungwähler - in der Hoffnung, sie als künftige Stammwähler zu gewinnen.

Wahlen sind auch deshalb spannend, weil die Wählerschaft sich ständig verändert. Alle vier Jahre ist eine neue Generation aufgerufen, fortan mit zu entscheiden, wer das Land regiert. Die neuen Wähler beschäftigen oft andere Themen, setzten andere Prioritäten, haben andere Vorbilder, als diejenigen, die schon länger im demokratischen Klub dabei sind.  

Parteien und Meinungsforscher schauen nach jeder Wahl neugierig und zugleich argwöhnisch auf das neue Elektorat. Neugierig, weil sich hier Trends ablesen lassen, weil jeder gerne für sich reklamiert, dass man die Jugend erreicht. Zwar sind die Alten für das Gesamtergebnis wichtiger. (Nahezu jeder zweite der 63,2 Millionen wahlberechtigten Deutschen ist inzwischen älter als 60 Jahre. Dagegen ist die Zahl von 3,5 Millionen potenziellen neuen Erstwählern überschaubar.) Dennoch freut sich jeder Parteichef über ein gutes Erstwählerergebnis, weil das eine hoffnungsvolle Zukunft verheißt.

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Argwöhnisch sind die Profis, weil man per se wenig über die Spezies Neuwähler weiß – und daher auch vor negativen Überraschungen nicht gefeit ist. Verlieren Parteien signifikant in dieser Altersgruppe, schieben sie es häufig auf den Populismus der Konkurrenz und unterstellen der Jugend damit implizit ein unreifes Wahlverhalten. Auch für Wahlforscher stellen Neuwähler die größte Herausforderung dar, da es für die Debütanten keine historischen Erfahrungswerte gibt. Zudem ist das Wahlverhalten in jungen Jahren tatsächlich noch sprunghafter und kurzfristiger beeinflussbar, als wenn man schon ein paar Urnengänge auf dem Buckel hat.  

Insofern ist es immer ein wenig heikel, jugendliches Wahlverhalten vorherzusagen. Dennoch, studiert man Umfragen und die Ergebnisse der Landtagswahlen der ausklingenden Legislaturperiode, lassen sich ein paar Trends erkennen.

Erstwähler-Sonntagsfrage

Gäbe es nur Erstwähler, hätte Schwarz-Gelb am 27. September keine Chance. Das lässt sich anhand zweier aktueller repräsentativer Umfragen erkennen. Laut Bundeszentrale für politische Bildung, die diese Woche eine hervorragend detaillierte Erhebung veröffentlichte, erhalten CDU/CSU bei den 18 bis 24-Jährigen 26 Prozent und die FDP 13 Prozent. Ebenfalls auf exakt 39 Prozent für das bürgerliche Lager kam das Umfrageinstitut emnid bei seiner Erstwählerbefragung im Juli 2009. Hier schnitt die FDP mit neun Prozent schlechter ab, die Union mit 30 Prozent etwas besser. Beide Umfragen zeigen: Union und FDP liegen bei den Erstwählern jeweils deutlich unter dem Parteidurchschnitt.

Ansonsten ist das Umfragebild auf den ersten Blick ziemlich heterogen. Man sieht fünf Parteien, die alle nicht allzu weit auseinander entfernt liegen. Keine kommt mehr über 30 Prozent, keine mehr unter zehn. Die deutsche Jugend – ein Flickenteppich? Die Detailanalyse zeigt weitere aufschlussreiche Ergebnisse.

Die Jugend ist grün, nach wie vor

Eine Zeitlang hielt sich die These, die Grünen seien eine Ein-Generationen-Partei. Gegründet von den alternativen Post-68ern – und mit dieser Bewegung alt und wohlhabend geworden. Für die Führungsschicht mag das stimmen, nicht jedoch für die Wähler. In keiner Altersgruppe sind die Grünen so stark wie bei den jüngsten Wählern. Laut Bundeszentrale für politische Bildung wollen 19 Prozent der Erstwähler die alte Ökopartei wählen, laut emnid sogar 21. Die Umfragen decken sich mit den jüngsten Landtagswahlergebnissen. In Thüringen, in Sachsen und im Saarland waren die Grünen bei den Erstwählern fast doppelt so stark wie im Gesamtergebnis. Auch bei den vorherigen Wahlen in Bayern, Niedersachen oder Hessen wuchsen die Grünen, weil sie bei den Jungwählern punkteten.  

Noch klarer erkennt man den Trend in der Langzeitperspektive: In den Jahren der rot-grünen Regierung stagnierten die Grünen bei konstant zehn Prozent Erstwählerstimmen. Seit die Große Koalition regiert, hat sich das Erststimmenwählerpotenzial der Grünen nahezu verdoppelt.

Die FDP war schon hipper  

Der Zuspruch zur FDP ist bei den Jungwählern ebenfalls gestiegen, allerdings nicht sprunghaft wie zu den Grünen, sondern kontinuierlich. Seit ihrer Abwahl 1998 legte sie in dieser Altersklasse von Legislaturperiode zu Legislaturperiode durchschnittlich 1,5 Prozentpunkte zu: von sieben unter Kinkel auf heute 13 unter Westerwelle.

Allerdings liegt die FDP bei den Erstwählern deutlich hinter den Grünen. Sechs Prozentpunkte bei der Bundeszentrale für politische Bildung, zwölf sogar bei emnid (21 vs. 9 Prozent). Richtig stark sind die Liberalen hingegen bei den Zweit- und Drittwählern. Die 25 bis 34-Jährigen sind ihre Top-Kohorte. Hier erhält sie 20 Prozent. Dafür gibt es zwei Erklärungsansätze. Einen ökonomischen: Das Thema Steuern, für die FDP wesentlich, interessiert erst, wenn man selbst Geld verdient. Und einen soziologischen: das hedonistische, eigenverantwortliche Lebensgefühl der Generation Golf, das dem der FDP nahe kam, ist nicht mehr das der heute Jungen.

Die Volksparteien büßen weiter ein

a) Die Union ist bei den Erstwählern zwar die stärkste Partei, erstmals seit Jahrzehnten. Im Vergleich zu ihrem Gesamtergebnis schneidet sie aber hier nach wie vor schlechter ab. Eine Generation Merkel gibt es offenbar nicht. Die Union ist bei den Jungen in den letzten Jahren nicht populärer geworden, sie hat nur weniger verloren als die SPD. In Bayern zeigte sich, das Traditionen abrupt abreißen können. Holte die CSU bei der Landtagswahl 2003 noch fast 55 Prozent bei den Unter-25-Jährigen, fiel sie 2008 auf 36,5 – ihr historisch schlechtestes Ergebnis.

b) Die SPD wird womöglich auch deshalb eine beispiellose Niederlage am übernächsten Sonntag einfahren, weil sie die Jugend verloren hat, einmal eine ihrer größten Ressourcen. Die CDU war immer schon die deutsche Rentner-Partei Nummer eins. Die SPD aber konnte stets damit angeben, dass sie bei den Erstwählern überdurchschnittlich abschnitt. In der Schröder-Ära erhielt die SPD konstant zwischen 35 und 40 Prozent der Erstwählerstimmen. Aus und vorbei. Kaum ein Absturz in der Detailanalyse ist steiler als dieser: Die Steinmeier-SPD fällt bei den Erstwählern laut Bundeszentrale für politische Bildung von 38 auf 19 Prozent. Für die jungen Erwachsenen ist sie offenbar nicht mehr die linke Alternative, sondern eine unter vielen.  

Kurz: Dass die junge Generation die siechenden Volksparteien vitalisieren wird, ist nicht absehbar.

Alte Linke

Die SPD leidet an der Konkurrenz der Lafontaine-Partei, die in allen Generationen Stimmen und Mitglieder abzieht. Aber, anders als die Grünen vor 20 Jahren ist die Linke wahrlich kein Jungbrunnen, sondern von der Mitgliedschaft her eine der ältesten Parteien Deutschlands. Die Wahlergebnisse bestätigen: Die Linke wirkt vor allem auf die älteren Semester anziehend. In Thüringen und im Saarland lag sie bei den Erstwählern deutlich hinter ihrem Gesamtergebnis. In Hessen oder Niedersachsen legte sie zwar zu, aber weniger als im Gesamtschnitt. Auch die Umfragen zeigen: Die Linke ist stark, weil sie bei den Über-45-Jährigen stark ist.

Auf den ersten Blick mag das überraschen, gesteht man doch gerade der Jugend zu, rebellisch und bisweilen radikal in den Ansichten zu sein. Allerdings stehen zwei Bewegungen hinter der Linken, die beide nicht mehr taufrisch sind – und die sich aus Oppositionsgründen zusammen getan haben. Im Osten stellen die Kader der früheren SED einen beträchtlichen Teil der Funktionäre und Mitglieder, im Westen enttäuschte Gewerkschafter und Friedensaktivisten. Beides Gruppen, zu denen die heute Um-die-20-Jährigen keinen lebensweltlichen Bezug mehr haben. Andere haben den schon eher. Zu denen morgen mehr.

Morgen lesen Sie Teil 2: Piraten und Rechtsextreme: Was sind die politischen Alternativen der Erstwähler? Und: Ist Wählen heute überhaupt noch zeitgemäß?

 
Leser-Kommentare
  1. Geht nicht zur Wahl.

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    für diesen Kommentar hätten Sie sich auch sparen können.

    für diesen Kommentar hätten Sie sich auch sparen können.

  2. @bitterlemon270
    Wenn alle so denken würden, hätten wir bald nur noch Extremisten im Bundestag sitzen.
    Entweder stimmt man im Zweifel für das kleinere Übel oder man geht selbst in die Politik und versuchts besser zu machen!

    Über so eine Kurzsichtigkeit kann ich echt nur den Kopf schütteln.

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    stellen sie sich vor sie gehen in ein restaurant und man bietet ihnen 5 ungenießbare gerichte an, wählen sie dann etwa auch dasjenige von dem sie erst auf dem weg nach hause und nicht sofort kotzen müssen?

    stellen sie sich vor sie gehen in ein restaurant und man bietet ihnen 5 ungenießbare gerichte an, wählen sie dann etwa auch dasjenige von dem sie erst auf dem weg nach hause und nicht sofort kotzen müssen?

  3. Einen blöderen Kommentar, als den obigen, kann man potenziellen (Jung-) Wählern nicht mit auf den Weg geben! Indem ich nicht zur Wahl gehe, ändert sich auch nichts!

  4. Piraten und Rechtsextreme in einen Artikel stecken scheint mir sonderbar, allerdings bin ich gespannt was mich dann erwartet... enttäuschen sie mich nicht.

  5. Man sollte es so handhaben wie allgemein im Jugendstrafrecht. Bis 23 Jahren den jugendlichen Wahltätern eine politische Entwicklungsverzögerung bescheinigen und sie erst danach an Wahlen teilnehmen lassen.

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    • Buker
    • 17.09.2009 um 10:24 Uhr

    In Deutschland ist ohnehin jeder 2. Wähler über 60, was wohl auch ein Grund dafür ist, dass die Politik eher rentner- als zukunftsorientiert ist. Mit Ihrem Vorschlag würde dieser Trend sicher noch verstärkt, die Generationengerechtigkeit würde noch mehr leiden und Deutschland seine Zukunft wohl noch schneller verspielen.
    Es ist doch kein Zufall, dass über Bildung immer nur geredet wird, während die Rentengarantie sofort durchgewunken wurde...

    In meinen Augen ist die Rentnerhörigkeit der großen "Volksparteien" eher ein Problem als das differenzierte Wahlverhalten der Jugend.

    • Buker
    • 17.09.2009 um 10:24 Uhr

    In Deutschland ist ohnehin jeder 2. Wähler über 60, was wohl auch ein Grund dafür ist, dass die Politik eher rentner- als zukunftsorientiert ist. Mit Ihrem Vorschlag würde dieser Trend sicher noch verstärkt, die Generationengerechtigkeit würde noch mehr leiden und Deutschland seine Zukunft wohl noch schneller verspielen.
    Es ist doch kein Zufall, dass über Bildung immer nur geredet wird, während die Rentengarantie sofort durchgewunken wurde...

    In meinen Augen ist die Rentnerhörigkeit der großen "Volksparteien" eher ein Problem als das differenzierte Wahlverhalten der Jugend.

  6. Möchte die Redaktion da ihre Quellenwahl ("Hier zur Detailanalyse", Seite 1) vielleicht doch noch überdenken? :)

    • Buker
    • 17.09.2009 um 10:24 Uhr

    In Deutschland ist ohnehin jeder 2. Wähler über 60, was wohl auch ein Grund dafür ist, dass die Politik eher rentner- als zukunftsorientiert ist. Mit Ihrem Vorschlag würde dieser Trend sicher noch verstärkt, die Generationengerechtigkeit würde noch mehr leiden und Deutschland seine Zukunft wohl noch schneller verspielen.
    Es ist doch kein Zufall, dass über Bildung immer nur geredet wird, während die Rentengarantie sofort durchgewunken wurde...

    In meinen Augen ist die Rentnerhörigkeit der großen "Volksparteien" eher ein Problem als das differenzierte Wahlverhalten der Jugend.

  7. für diesen Kommentar hätten Sie sich auch sparen können.

    Antwort auf "Spart euch die Zeit"

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