Wahlkampfzeit ist Märchenzeit. Im Kampf um die meisten Stimmen versprechen die Parteien viel und reden die Bilanz ihrer bisherigen Regierungszeit schön. ZEIT ONLINE hat deswegen den Lügendetektor ausgepackt. In den kommenden Wochen bis zur Wahl nehmen wir uns regelmäßig zentrale Aussagen der Parteien vor und prüfen sie auf ihren Wahrheitsgehalt. In diesem Teil unserer Serie beleuchtet Kai Biermann das Versprechen der CDU, etwas gegen Kinderpornografie zu tun.

"Wir schließen die Datenautobahn der Kinderpornografie."

Mit diesem Satz ist Familienministerin Ursula von der Leyen 2008 angetreten, den Kinderschutz zu verbessern. Da nicht klar ist, was die "Datenautobahn der Kinderpornografie" überhaupt sein soll, hier noch die entsprechende Aussage aus dem Wahlprogramm der Union: "Wir werden (...) Quellen im In- und im Ausland schließen und den Zugang zu den Seiten sperren, so wie dies seit vielen Jahren erfolgreich in vielen Ländern erfolgt." Und als Ergänzung: "Wir werden die Präventionskette durch verbesserte Therapieangebote weiter knüpfen."

Drei Ziele also, um Kinder besser zu schützen und ihren Missbrauch einzudämmen: Quellen schließen, Zugang sperren, Therapie verbessern. Was sinnvoll klingt, ist in erster Linie Beleg dafür, wie gefährlich der Versuch ist, auf komplexe Probleme mit einfachen Lösungen zu antworten.

Denn von einhundert Tätern dokumentiert nur einer seine Verbrechen im Internet, die anderen neunundneunzig bleiben im Verborgenen. Mit den von Ursula von der Leyen vorangetrieben und inzwischen beschlossenen Netzsperren lässt sich also gegen den weitaus größten Teil der Taten nichts ausrichten. Um ihre Opfer zu schützen, braucht es Familienangehörige, Lehrer, Ärzte und Polizisten, die hinschauen. Um künftige Taten zu verhindern, braucht es Therapieangebote und Strafverfolgung.

Es gibt ein weiteres Problem: Richtig ist, dass diejenigen, die sich im Internet Kinderpornografie anschauen, zu einem großen Teil pädophil sind. Pädokriminalität aber kennt zwei Tätergruppen. Zum einen Pädophile, ­ also diejenigen, die sexuell nur auf Kinder orientiert sind. Sie stellen den kleineren Teil der Täter. In schätzungsweise neunzig Prozent der Missbrauchsfälle sind die Täter dagegen gar nicht pädophil. Vielmehr haben sie gelernt, dass Kinder sich leichter zu sexuellen Handlungen zwingen lassen als Erwachsene. Kinder sind für sie einfach die am leichtesten zu erreichenden Opfer. Noch einen Grund gibt es, dass Übergriffe gegen Kinder nicht öffentlich werden: Die meisten dieser Verbrechen geschehen im so genannten sozialen Nahfeld, also durch Bekannte und Verwandte.

Von der Leyens Kampagne für die Netzsperren aber suggeriert, dass es einerseits einen "Milliardenmarkt" für Kinderpornografie gibt, der sich auf regelrechten "Datenautobahnen" bewegt und andererseits Pädophile durch solche Bilder geradezu "angefixt" würden, schließlich loszögen und Kinder missbrauchten. Beides darf  bezweifelt werden. Die erste Behauptung unter anderem deshalb, weil ein großer Teil der im Netz kursierenden Bilder und Filme kostenlos getauscht und nicht verkauft wird.

Das heißt nicht, dass Kinderpornos im Netz hingenommen werden müssen. Jedes dieser Bilder ist die Dokumentation eines Missbrauchs. Doch wäre es wohl sinnvoller, sie aus dem Netz zu entfernen statt nur den Zugang dazu zu sperren. Außerdem muss man sich stärker mit den Tätern befassen. Vor allem mit denjenigen, die bislang niemandem aufgefallen sind.

 

Keine anderen "Delikte am Menschen" werden so selten angezeigt wie der Kindesmissbrauch, bei keinem bleiben so viele Fälle im Verborgenen. Doch existiert in Deutschland nur ein einziges Projekt, das versucht, bislang unerkannte Pädophile anzusprechen und zu therapieren. Das Forschungsvorhaben "Prävention Dunkelfeld" der Berliner Charité finanziert sich vor allem aus Spenden. Erst seit 2008 bekommt das seit 2005 erfolgreich arbeitende Team Hilfe von der Bundesregierung, 250.000 Euro im Jahr, befristet auf drei Jahre. Hilfe durch die Krankenkassen hat es nicht. Die Kassen weigern sich, die Verhaltenstherapie zu zahlen, obwohl die Diagnose Pädophilie eine anerkannte Erkrankung ist.

Solche Projekte medienwirksam zu fördern und bekannter zu machen könnte sehr viel mehr für Kinder tun als Netzsperren. Denn die angepriesenen Sperren, die inzwischen nur noch "Zugangserschwerung" heißt, lassen sich durch simple Änderung der Einstellungen am Browser umgehen.

Inoffiziell lässt sich übrigens beim Bundeskriminalamt erfahren, dass man diese ganzen Sperrseiten in wenigen Jahren nicht mehr brauche. Sie seien nur eine Übergangslösung, die nichts weiter machen solle, als die mangelnde technische Strafverfolgung so lange zu ersetzen, bis sie ausgebaut sei. Und bei allen Beteiligten, seien sie Polizisten, Staatsanwälte oder Politiker, heißt es: Die echten Kriminellen fängt man so auch nicht, die umgehen die Sperren; oder sie tarnen sich.